Was Von Der Liebe Bleibt

Muss man einen Seitensprung beichten?

Nach einer Umfrage bereuen über zwei Drittel aller Fremdgeher einen Seitensprung nicht. Ob diese Zahl stimmen kann? Vermutlich nicht. Aber sie war Anlass für ein langes Interview mit mir über die Folgen von Untreue

Laut einer aktuellen Umfrage geben über 70 Prozent der Befragten zu, ihren Seitensprung nicht bereut zu haben. Wie erklären Sie sich das?

Eric Hegmann: Das erstaunt mich und würde mich erschrecken, würde ich es glauben. Nicht einmal unter Fremdgehern, die nicht erwischt werden, halte ich solche Zahlen für realistisch. Doch nehmen wir tatsächlich an, die Zahlen wären richtig: Würden solche selbstbewussten, stolzen Fremdgeher in meiner Beratungspraxis sehen, wieviel Leid, Schmerz und Tränen ihr Verhalten bei ihren betrogenen Partnern verursacht, sie würden vielleicht – hoffentlich – doch zweifeln.

Weshalb gehen Menschen fremd?

Frauen nennen als Gründe für einen Seitensprung vor allem mangelnde Aufmerksamkeit, das Gefühl von Selbstverständlichkeit, Verlust von Anerkennung durch den Partner und mangelnde Kommunikation. Das Ausleben sexueller Wünsche wird dagegen deutlich seltener genannt. Das sieht bei Männern anders aus: Bei ihnen ist zu wenig oder nicht befriedigender Sex der Hauptgrund fürs Fremdgehen. Allerdings ist Sex auch eine Form von Anerkennung und Kommunikation, insofern unterscheiden sich die Geschlechter vielleicht nicht ganz so. Sie nennen ihre Bedürfnisse nur anders.

Wer einen Seitensprung begeht, entscheidet sich bewusst gegen die Beziehung. Dafür muss man nicht unbedingt ein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich vom Partner schlecht behandelt fühlt. Das schlechte Gewissen sollte man aber haben, weil man statt einer Konfliktlösung den Weg des Vertrauensbruchs gewählt hat. Wer neue sexuelle Erfahrungen machen möchte, kann das nach Absprachen tun oder sich entscheiden, was nun die Priorität ist: Der Partner, die Beziehung oder die Befriedigung. Welche Lösung auch immer ein Paar wählt, es gibt genug Möglichkeiten, die ohne Lügen und Betrug funktionieren.

Ist es wichtig, dass man nach einem Seitensprung schlechtes Gewissen hat?

Schlechtes Gewissen ebenso wie Scham halten eine Gemeinschaft zusammen. Wofür man sich schämt, wird auch sozial und kulturell geprägt. Dabei ist Scham tatsächlich nicht lösungsorientiert, denn sie ändert ja nichts am begangenen Verhalten, aber vielleicht verhindert sie, dass durch wiederholtes Verhalten einer Person erneut Schmerzen zugefügt werden. Es handelt sich bei Scham um eine Kontrollinstanz zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich evolutionär bewiesen hat, sonst würden wir nicht solche deutlichen, körperlichen Reaktionen bei schlechtem Gewissen und Scham zeigen.

Muss man einen Seitensprung bereuen? Sicher gibt es Erfahrungen, die sollte man tatsächlich nicht bereuen, sondern dankbar sein, dass man sie erleben durfte. In den meisten Liebesbeziehungen gibt es aber nun den Pakt, sexuelle Wünsche gemeinsam auszuleben. Das ist eine Exklusivität, die nicht von einem Partner allein aufgekündigt werden kann. Geschieht dies doch, ist Reue möglicherweise etwas, das sich der betrogene Partner vom anderen wünscht, um wieder Vertrauen aufbauen zu können, aber letztlich ist wichtig, ob das Paar seine Beziehung neu errichten kann (und möchte) oder nicht.

Ist ein Seitensprung immer das Ende einer Beziehung?

Dass sich die Beziehung verändert hat, steht außer Frage. Etwas ist auch sicher zu Ende gegangen. In der Paarberatung kann man die alte Beziehung symbolisch beenden, um zu prüfen, ob die Voraussetzungen für einen Neuanfang, eine zweite, neue Beziehung noch vorhanden sind. Oft kommt ja durch einen Seitensprung heraus, was die Partner lange vermisst haben. Das kann die Chance sein, die Beziehung zu verbessern und beide Partner glücklich zu machen. Davor steht aber immer ein schmerzhafter Prozess mit vielen Tränen und gegenseitigen Vorwürfen. Die Gründe müssen aufgearbeitet werden und viele Paare finden dazu nicht mehr Kraft. Als Impuls, die Beziehung zu verbessern, ist ein Seitensprung in der Praxis keine kluge Idee, auch wenn es in der Theorie so klingen mag.

 

Dazu muss ich aber immer den Seitensprung gestehen?

Nach meiner Erfahrung ist lang- und mittelfristig Ehrlichkeit der beste Weg. Nur so können Sie gemeinsam besprechen, was Sie in der Beziehung ändern müssen, damit Sie sich glücklich fühlen. Sie wollen mehr Sex? Dann sprechen Sie darüber, verhandeln Sie die Möglichkeiten. Nur wenn Sie über Ihre Wünsche und Fantasien mit ihrem Partner sprechen, können Sie die überhaupt gemeinsam ausleben. Sie wollen sie nicht gemeinsam ausleben? Dann sollten Sie das verhandeln und nicht lügen. Möglich, dass Sie feststellen, dass Sie und Ihr Partner unvereinbare Positionen beziehen. Beziehungen können bestehen, auch wenn sich in einigen Bereichen keine Kompromisse finden lassen. Allerdings ist, denke ich, Ehrlichkeit der beste Weg.

Sie können sicher versuchen, alleine für Verbesserungen zu sorgen. Das ist aber grundsätzlich eine gute Idee und notwendig, nicht nur nach einem Seitensprung. Wenn Sie anfangen, aus schlechtem Gewissen Ihrem Partner etwas Gutes zu tun, geht dadurch selten die Frustration weg, die zuerst zum Fremdgehen geführt hat. Sie fühlen sich vielleicht verpflichtet, aber deshalb noch lange nicht zufrieden. Möglich, dass durch mehr Zuwendung auch Ihr Partner wieder liebevoller und fürsorglicher wird, so dass Sie Zuneigung nicht mehr außerhalb der Beziehung erleben müssen, aber diese Theorie sehe ich in der Praxis selten bestätigt. Wer so reflektiert mit seiner Partnerschaft umgehen kann, der formuliert auch seine Bedürfnisse im Vorfeld, weil er sie einfach kennt.

Wenn beispielsweise ein Partner fremdgegangen ist, weil er plötzlich mit einer Kollegin eine Art Seelenverwandtschaft erlebt hat, eine Nähe, die er so über Jahre nicht kannte, Leidenschaft, wie er sie gar nicht mehr wusste, dass er sie spüren kann, der ist eher so verwirrt über die Wucht der eigenen Emotionen, dass er nicht auch noch psychologische oder therapeutische Detektivarbeit für sich und den Partner leisten kann. In solchen Situationen wird Menschen der Boden unter den Füßen weggerissen. Die fallen. Die denken nicht darüber nach, wie die Leiter gebaut werden könnte, mit der sie wieder nach oben kommen können, sondern haben Angst vor dem Aufprall.

Das schlechte Gewissen geht als nur wen, wenn ich ehrlich alles beichte?

Beichten, um Vergebung zu erhalten – so funktioniert Paarkommunikation nicht. Die Frage eines Paares sollte sein, wie weit kommen wir mit Ehrlichkeit? Ohne Vertrauen ist eine Beziehung sinnlos. Dabei denke ich, dass die Entscheidung vor allem beim betrogenen Partner liegen muss. Der wird zwar einen Anteil an dem Konflikt haben, weswegen es zum Seitensprung oder zur Affäre kam, doch nur wenn er die Möglichkeit erhält, zu entscheiden, ob und wie es mit der Beziehung weitergehen kann, lässt sich Vertrauen aufrecht erhalten. Fremdgeher tragen oft jahrelang schlechtes Gewissen mit sich herum und sorgen dafür, dass der Konflikt weitere Bereiche des Zusammenlebens verändert und oft verschlechtert. Sich plötzlich mehr Mühe zu geben, den Partner häufiger Lob und Anerkennung zu schenken, all dies sind natürlich positive Verhaltensweisen, aber werden sie Bestand haben? Kann nicht eher eine Bestätigung für den Fehltritt daraus werden? „Sieh mal, ich bin gut zu dir und du hast nicht bemerkt, dass ich dich betrogen habe. Das kann ich wiederholen, solange ich mir dir gegenüber Mühe gebe.“ Die Entscheidung für eine offene, vertrauensvolle Kommunikation gehört für mich in die Verantwortung beider Partner und nicht allein in die des Fremdgehers. Der kann das nicht allein entscheiden. Ja, es mag einmalige Ausrutscher geben, die wie ein Aufweckruf wirken und die tatsächlich nicht so schwer wiegen wie die Verletzung, die der betrogene Partner erfahren würde, aber empfehlen kann ich nur einen ehrlichen Umgang miteinander.

Ist es nicht auch egoistisch, dem Partner alles zu beichten, nur um das eigene schlechte Gewissen verstummen zu lassen?  

Egoistisch ist ja zunächst einmal der Seitensprung. Zwar darf man in einer Partnerschaft natürlich Entscheidungen treffen, die einem zunächst einmal selbst guttun, aber es macht eben eine Beziehung aus, die Folgen dieser Entscheidung für den Partner zu berücksichtigen. Nicht zu beichten, um den Partner zu schützen, ist doch wohl vor allem eine Ausrede, um sich die Konfrontation zu sparen. Eben so wie der Seitensprung der Weg war, die Konfrontation mit dem Partner über die Gründe für die Unzufriedenheit zu vermeiden.

Tatsächlich sagen viele Betrogene, sie hätten vom Seitensprung lieber gar nicht erst erfahren. Das erlebe ich aber vor allem im Effekt. Langfristig gesehen wünschen sich Paare ehrlichen Austausch und den Mut zu Offenheit, selbst wenn diese zunächst schmerzhafte Erkenntnisse und Gefühle mit sich bringt. Nehmen Sie den Fall, die Frau betrügt den Mann, weil ihr der Sex zu mechanisch und zu lieblos ist und sie sich mehr Abwechslung wünscht. Natürlich wird er nicht glücklich sein, zu hören, dass er in ihren Augen ein schlechter Liebhaber ist. Besser wird er aber kaum, wenn sie nun Befriedigung mit anderen erlebt. Vielleicht gibt es dadurch weniger Stress in der Partnerschaft, aber das ist dann reine Verdrängung und die Chance auf eine Verbesserung wurde verspielt. Zu einer vertrauensvollen Beziehung gehört auch, selbst vertrauenswürdig zu sein. Sich entschuldigen, Verletzungen heilen, sich verzeihen können – das alles müssen Paare trainieren, nicht nur beim Sex, auch im alltäglichen Miteinander. Wer nicht wagt, ehrlich zu sein, wird auf Dauer mit der Beziehung scheitern. Sie müssen heute ja nicht monogam leben, wenn Sie das nicht möchten. Aber bitte nur mit einem Partner, der das genauso sieht und mit dem Sie Ihr Beziehungsmodell verhandelt haben.

 

Eric Hegmann

Eric Hegmann berät seit 15 Jahren Singles und Paare. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit rund 10 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins www.beziehungsweise.de