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Kritik In Beziehungen Paartherapeut Eric Hegmann

In meiner Arbeit mit Paaren erlebe ich, welche zerstörerische Wirkung Kritik haben kann. Ich möchte mit Ihnen einen Blick darauf werfen, was drei TherapeutInnen, mit deren Werkzeugen ich auch in der Praxis arbeite, über Kritik und ihre Auswirkungen auf Beziehungen zu sagen haben.

Dr. John & Julie Gottman

Die Therapeuten, die am meisten über die Auswirkungen von Kritik auf Beziehungen geforscht haben, sind vermutlich Dr. John und Julie Gottman. Die beiden haben in ihrem „LoveLab“ über zwei Jahrzehnte hinweg Hunderte von Paaren untersucht, befragt und beobachtet. Sie entwickelten die „4 apokalyptischen Reiter der Paarkommunikation“, die das Ende einer Beziehung vorhersagen können.

Wenn Sie Ihren Partner kritisieren, reagiert dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Gegenangriff oder Verteidigung. Das ist ein ganz normales Verhalten. Denn von dem wichtigsten Menschen im Leben kritisiert zu werden, löst sofort den Wunsch aus, sich zu verteidigen und das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Diese Verteidigung führt jedoch dazu, dass sich der andere Partner nicht ernst genommen fühlt. Nachdem nun Argumente vergeblich ausgetauscht wurden, greifen die erschöpften und hilflosen Partner zur Abwertung des anderen. Zur Sachebene des Konflikts kommt spätestens damit eine emotionale Ebene, die sagt: Ich verstehe dich nicht, ich mag dich nicht, ich respektiere dich nicht (mehr).

Dagegen setzt Gottman mit der 5:1 Formel die Strategie, zugewandte Kommunikation in der Beziehung zu pflegen, um eine emotionale Verletzung mit fünf positiven Zuwendungen auszugleichen, so dass die Bindung den Partnern immer sicher genug erscheint. Denn dann geraten Paare messbar seltener in einen negativen Streit-Zyklus, sondern verhandeln vielmehr auf Augenhöhe ihre Konflikte und vermeiden Eskalationen, die durch Frust und Stress verstärkt werden.

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Stan Tatkin (PACT)

Stan Tatkin hat den psychobiologischen Ansatz PACT für die Paartherapie entwickelt hat und ist ebenfalls nicht nur Therapeut, sondern auch Forscher. Er beschreibt einen Grundkonflikt beim Streiten, der evolutionär bedingt ist. „Das Gehirn ist in erster Linie auf Krieg und nicht auf Liebe eingestellt. Seine Hauptfunktion ist es, unser Überleben als Individuen und als Spezies zu sichern, und darin ist es sehr, sehr gut.“

Tatkin schlägt als Gegenmittel für Paare vor, eine „Paarblase“ zu pflegen, um dieser Tendenz zum Krieg entgegenzuwirken. Diese „Blase“ ist die intime Welt, in der die Partner sich gegenseitig wissen lassen, dass ihre Beziehung ein sicherer und geschützter Hafen ist. Tatkin greift hier ebenfalls auf die Bindungstheorie von John Bowlby zurück. Was bei Gottman die 5.1-Formel ausdrückt, ist hier die „Paarbubble“. Wie lässt diese sich erreichen? Beispielsweise durch das bewusste Schaffen von Situationen, in denen sich die Partner geliebt fühlen.

Das vermittelt die Botschaft, dass die Partner bei Stress für einander da sind, dass sie sich den Rücken freihalten, sich um einander sorgen und beschützen. Verachtung und unerbittliche Kritik bringen ein Paar in einen Krieg miteinander. Das ist das Gegenteil der „Paarblase“. Partner, die eine starke und glückliche Beziehung aufbauen wollen, müssen alles tun, was sie können, um eine starke „Paarblase“ zu erhalten und zu fördern.

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Emotionsfokussierte Therapie (EFT)

Die Emotionsfokussierte Paartherapie wurde von Sue Johnson entwickelt, die Dr. Gottman einmal als „die beste Paartherapeutin der Welt“ bezeichnete. In diesem Modell wird Kritik als Teil des so genannten „negativen Zyklus“ betrachtet. Der negative Kreislauf, oder „der Tanz“ ist ein Interaktionszyklus zwischen zwei Menschen, der, wenn er unkontrolliert bleibt, ein enormes Maß an Distanz und Trennung in einer Beziehung hervorrufen kann.

Bei der EFT-Methode liegt der Schwerpunkt auf den Emotionen, die der Kritik zugrunde liegen und diese anheizt. Das Erkunden und Benennen dieser zugrunde liegenden Emotionen ist das, was angesprochen werden muss, um den negativen Kreislauf zu entschärfen. Das Ziel von EFT-Interventionen ist es, zu den weicheren, verletzlicheren Gefühlen zu gelangen, die dem negativen Kreislauf zugrunde liegen. Dazu ist beispielsweise sehr hilfreich die „Emotional Agility“-Methode von Susan David, die in drei Schritten einen neuen, wertschätzenden Umgang mit Emotionen empfiehlt.

Worin sich alle Experten einig sind

In der Sprache von Stan Tatkin würde das Ziel darin bestehen, das liebende Gehirn unter dem kriegerischen Gehirn zu erreichen. Bei Prof. Gottman steht hierfür die Intervention „Aufarbeitung eines unerfreulichen Vorfalls“. Und Sue Johnson hat ein mehrstufiges Programm entwickelt, um dem Paar zu helfen, einen neuen „Tanz“ einzustudieren, indem nicht nur neue Schritte gelernt, sondern vor allem eine neue Musik aufgelegt wird.

Paare, die den apokalyptischen Reitern aus dem Weg gehen und sich zusammenraufen können (à la Gottmans), Paare, die auch unter Stress Zugang zu ihrem liebenden Gehirn und nicht zu ihrem kriegerischen Gehirn haben (à la Dr. Tatkin), und Paare, die ihre Emotionen benennen und ansprechen können (à la EFT), sind Paare, die auch unter stressigen Umständen gedeihen werden.

Ich arbeite integrativ, das heißt, ich verwende nach meinen entsprechenden Fortbildungen Interventionen und Werkzeuge aller hier genannten Experten.

Quellen:

  • Dr. Julie und John Gottman: Die Vermessung der Liebe
  • Stan Tatkin: Wired for Love
  • Dr. Sue Johnson: Hold me tight
  • Susan David: Emotional Agility

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Eric Hegmann ist Paartherapeut, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht. Seit über 15 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise und Gründer der Modern Love School .

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