Ghosting: Sich Nicht Mehr Melden Und Den Anderen Ohne Erklärung Alleine "sitzen" Lassen

Ghosting – Abtauchen, sich nicht mehr melden

Schluss machen ohne Schluss zu machen. Abtauchen, sich nicht mehr melden – das alte Phänomen hat einen neuen Namen: Ghosting. Wie ein Geist verschwinden.

Ghosting kennen Sie nicht? Oh, doch. Denken Sie etwas zurück. Da hieß diese Strategie, einen Kontakt abzubrechen noch: „Sich einfach so lange nicht mehr melden bis der Andere es kapiert hat und aufgibt“.

Weswegen Ghosting nun in aller Munde ist? Weil es immer mehr gesellschaftsfähig wird. Das ist erschreckend. Und dafür gibt es mehrere Gründe. Soziale, kulturelle und persönliche. So denken viele Menschen, was digital mit einem Anstupser oder einem Wischer in einer App begann, müsse auch nicht formvollendet beendet werden. „Wisch & Weg“ eben. In Umfragen finden es heute die bis 30jährigen normal, per Textnachricht Schluss zu machen. Und das Schlimme dabei: besser als Ghosting ist ein Ende per SMS tatsächlich.

Ghosting ist ein Phänomen und ein Symptom. „Abtauchen“ gab es immer, das findet sich sogar in der romantischen Literatur. Neu ist aber, dass die Phase, in der Ghosting vorkommt, beim Kennenlernen immer weiter nach hinten gerutscht ist, also in eine Zeit, in der eigentlich eher Verbindlichkeit erwartet würde, da man ja bereits viel Zeit miteinander verbracht hat.

Zeit für die Ghostbusters?

Die US-Amerikaner haben ja diese seltsamen Dating-Regeln, beispielsweise dass wer sich nicht binnen 48 Stunden zurück meldet, kein Interesse hat. Vor dem Hintergrund der Ghosting-Diskussion muss man zugeben: das war fürs erste und zweite Date praktisch und ehrlich. Da wusste man frühzeitig woran man ist und musste sich gar nicht groß miteinander auseinander setzen. Hat eben nicht gepasst.

Ich erlebe aber heute in der Beratung Fälle, in denen nach Monaten Annäherung noch statt einer konkreten Absage „geghosted“ wird. Und das ist für die oder den Verlassenen sehr, sehr verletzend.

Ghosting kommt fast immer ohne Vorwarnung. Da wurde Vertrauen und Verbundenheit aufgebaut, Pläne geschmiedet – und alles ist plötzlich nichtig. Das Verliebtsein-Gefühl ist noch da und passt nicht mit der neuen Realität zusammen. Schmerzhaft ist für die Betroffenen aber nicht nur, dass ihnen die rosaroten Wolken unter den Füßen weggezogen wurden – kränkend ist, dass dies ohne Erklärung geschieht. Um im Bild zu bleiben: die oder der Betroffene hängt nun mit seinen Selbstzweifeln in der Luft. Fürs das Selbstwertgefühl ein echter Schlag, schließlich wird sich jeder halbwegs empathische Mensch die Frage stellen: “Habe ich etwas falsch gemacht? Was war mein Fehler?”

Und nicht vergessen darf man auch, dass sich Menschen Sorgen machen. Es könnte ja schließlich etwas passiert sein.

 

Ich wurde zum Phänomen Ghosting von zahlreichen Medien interviewt, beispielsweise von WELT, von wunderweib.de oder von t-online.

Ghosting ist ein neuer Begriff für ein durchaus bekanntes und leider sehr weit verbreitetes Verhalten: statt eine Beziehung zu beenden taucht ein Partner unter, meldet sich nicht mehr und verschwindet sozusagen wie ein Geist.

 

Warum ist Ghosting so schmerzhaft für den Betroffenen?

Ghosting kommt fast immer ohne Vorwarnung. Da wurde Vertrauen und Verbundenheit aufgebaut, Pläne geschmiedet – und alles ist plötzlich nichtig. Das Verliebtsein-Gefühl ist noch da und passt nicht mit der neuen Realität zusammen. Schmerzhaft ist für die Betroffenen aber nicht nur, dass ihnen die rosaroten Wolken unter den Füßen weggezogen wurden – kränkend ist, dass dies ohne Erklärung geschieht. Um im Bild zu bleiben: die oder der Betroffene hängt nun mit seinen Selbstzweifeln in der Luft. Fürs das Selbstwertgefühl ein echter Schlag, schließlich wird sich jeder halbwegs empathische Mensch die Frage stellen: “Habe ich etwas falsch gemacht? Was war mein Fehler?”

 

Warum handelt der „Ghost“ so herzlos?

In den allermeisten Fällen ist das Feigheit. In Ausnahmen hat die verlassene Person vielleicht die Signale nicht verstanden, die Kommunikation lief komplett schief und sie hängt eigentlich nur einer Illusion nach, da wäre noch was und in Wahrheit war das Ende längst geklärt. Aber es geht nahezu immer darum, sich selbst vor der Reaktion des Gegenübers zu schützen.

Hinzu kommt vermehrt ein sehr trauriges Verständnis von Verbindlichkeit. Mit der Entschuldigung “Zwei Dates sind noch kein Versprechen”, treten viele den Rückzug an und sind sich keiner Schuld bewusst. Auch scheinen vermehrt Menschen zu denken, ein Flirt, der digital und schnell begann, kann auch ebenso schnell beendet werden. Da ist auch durchaus was dran: wer Menschen nach dem “Wisch & Weg”-Prinzip auswählt muss damit rechnen, ebenfalls “weggewischt” zu werden.

Das sollte aber keine Entschuldigung dafür sein, nicht zu seiner Entscheidung zu stehen.

Machen Ghosting nur Männer?

Nein. Ja, ein plötzlicher Rückzug ist tatsächlich überwiegend Männersache, aber Frauen beherrschen das ebenso. Sie allerdings begründen dieses Verhalten meist mit irgendwelchen Erklärungen, um sich auch vor sich selbst zu rechtfertigen. Beispielsweise damit, dass er sich daneben benommen hat, sich nicht ausreichend engagierte oder – und das macht einen Unterschied zum männlichen Ghosting aus – sie wollen mit dem Oma-Prinzip “Mach dich selten” seinen Jagdinstinkt entfachen. (Tipp: das funktioniert nicht mehr im Jahr 2015. Männer suchen sich dann eine “einfachere” Kandidatin.)

Kennen Sie viele Paare, wo sich einer per Ghosting verabschiedet hat?

In den meisten Fällen ist die Kennenlernphase noch nicht so weit fortgeschritten, dass ich von Außen betrachtet, bereits von einer Paarbildung sprechen würde. Doch fühlt sich Ghosting weniger schmerzhaft nach drei oder nach zehn Dates an? Ich will das nicht bewerten. Es ist verletzend zu jedem Zeitpunkt und ein Zeichen von mangelndem Respekt.

Dass sich ein Partner kommentarlos aus einer langjährigen Beziehung verabschiedet, erlebe ich in der Praxis selten. Häufiger ist da schon eine Trennung per Textnachricht – ohne weitere Erklärung.

Was macht das Ghosting besonders fies bzw. was löst es im Verlassenen aus?

Der oder die Zurückgelassene ist meist mitten in einer Phase voller Engagement, Hoffnungen und Wünsche und stellt diese auch nicht in Frage, weil es dazu keinen Anlass gibt. Damit wird ihm regelrecht der Boden unter den Füßen weggezogen (oder die rosaroten Wolken) und sie fallen in eiskaltes Wasser. Das schmerzt und kann das Selbstwertgefühl stark schwächen, es kann grundsätzlich Vertrauen fassen auch für die Zukunft erschweren und schockähnliche Reaktionen erzeugen, hinzu kommen Trauer und Verlust – das alles ist in extremen Fällen eine traumatische Erfahrung.

So weit geht es sicher nicht, wenn Ghosting in einer frühenen Kennenlernphase geschieht. Es gibt in fast jeder Anfangsphase einer Beziehung auch eine Rückzugsphase – die Partner erfassen, dass sie ein Wir-Gefühl entwickeln und müssen sich selbst wieder ein Stück weit finden. Also sich überlegen, was geschieht mit uns, was geschieht mit mir, was ändert sich nun? Will ich das? In der Regel folgt darauf ein erstes Beziehungsgespräch, in dem gemeinsame Ziele und Wünsche ausgetauscht werden. Ghosting zu dieser Phase gab es immer und wird es immer geben.

In der Beratung erleben ich aber heute, dass auch weit nach dieser Phase statt eines klärenden Gesprächs ein plötzlicher Rückzug geschieht. Da wurde dann bereits Gefühl investiert und hinterlässt einen empathischen Menschen zunächst mit Sorge, es könnte ja etwas passiert sein und schließlich mit Selbstzweifeln.

Verlust erleben Menschen als eine besonders schmerzhafte und starke Emotion, die uns psychisch und physisch hart zusetzt.

Gibt es einen besonderen Typ Mensch, der zu dieser Form des Schlussmachens neigt?

Es sind sicher eher narzisstische Persönlichkeiten, die vor allem sich vor der Reaktion des Gegenübers schützen wollen, die zum Abtauchen neigen. Sie bewerten ihre eigene Gefühlswelt als wichtiger als den Schmerz Anderer.

Ghosting beherrschen Männer und Frauen. Es gibt allerdings eine Altersgruppe, in der vor allem Männer abtauchen. Da Frauen etwa ab 25 und Männer heute erst Anfang bis Mitte 30, statistisch gesehen, eine feste Bindung eingehen wollen, sind Frauen von 25 bis Anfang 30, die sich nun bereits mit Familienplanung beschäftigen, besonders häufig betroffen.

Ist Ghosting im Zeitalter von Facebook, Whats App und Co. stärker verbreitet?

Mein Eindruck ist tatsächlich, dass viele Menschen denken, was im Internet vielleicht mit “Wisch & Weg” wie bei Dating-Apps begann, auch nicht stilvoll beendet werden muss. Heute ist in jüngeren Altersgruppen Schlussmachen per Textnachricht bereits gesellschaftsfähig.

Man darf aber auch nicht vergessen: zwei Dates sind kein Heiratsversprechen und keine Verpflichtung. Da geht es nur um die Fragen: Sind wir uns sympathisch und wollen wir uns wieder sehen. Im Einzelfall ist sicher fraglich, ob “Sich nicht mehr Melden” nach dem ersten oder zweiten Date bereits Ghosting darstellt. Aber dennoch, wenn es nicht passt, sollte zumindest eine Textnachricht drin sein.

Was raten Sie jemandem, der sich trennen will, aber nicht den Mut hat, es offen zu kommunizieren?

Machen Sie so Schluss, wie Sie es sich im umgekehrten Fall wünschen würden. Reden Sie sich nicht ein, Sie würden darunter mehr leiden als die Person, der Sie absagen und kommen Sie raus aus Ihrer Opferrolle. Wenn es nicht passt, dann passt es nicht. Stehen Sie dazu, schließlich ist das besser, als jemanden hinzuhalten. Notfalls eben wirklich per Textnachricht.

Welche anderen fiesen Schlussmacharten gibt es?

Eine andere, sehr fiese Variante ist, den Anderen durch zum Schlussmachen zu provozieren. Das kann ein quälend langer Prozess sein, da der tatsächlich Verlassene erst spät merkt, dass ihm die Schuld zugeschoben wird – falls man überhaupt von einer Schuldfrage sprechen kann, wenn zwei Menschen feststellen, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben. Schuldig in dem Sinne kann man sich erst eben durch vorsätzlich schmerzhaftes Verhalten machen.

Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise