Viele Singles Stehen Sich Bei Der Partnersuche Selbst Im Weg

Alle wollen Single sein? Von wegen!

Viel mehr Menschen als früher entscheiden sich heute bewusst für ein Leben als Single. Aber noch mehr Singles stehen sich bei der Partnersuche selbst im Weg.

Im Sat.1 Frühstücksfernsehen habe ich über die „Generation Beziehungsunfähig“ gesprochen.

Wer ist eigentlich mit diesem Begriff „Generation Beziehungsunfähig“ gemeint?

Der stammt nicht von mir, denn ich glaube nicht, dass eine ganze Generation der Liebe abschwört. Im Gegenteil. Gemeint sind aber Langzeit-Singles, die sich bewusst gegen eine Beziehung entscheiden. Oft, weils sie schlechte Beziehungserfahrungen gemacht haben und nach einer Trennung lieber alleine leben möchten. Es sind aber ebenso Menschen, die so hohe Ansprüche an sich selbst, an den Partner und die Beziehung stellen, dass sie damit – eher unbewusst – selbst dafür sorgen, dass sie allein bleiben. Dieser aktuelle Wunsch nach Selbstoptimierung und immer dem Besten ist ein unbewusster Beziehungsverhinderer.

Datingportale, Chat-Rooms – trägt das dazu bei, dass junge Menschen lieber freier sein wollen, also eher keine Beziehung eingehen möchten?

Eher macht es nach meinen Erfahrungen die Entscheidung schwerer. Das haben ja veiel Studien belegt: je größer die Auswahl im Regal, umso schwerer wird es, sich für einen zu entscheiden. Singlebörsen können das Gefühl vermitteln, dass es überall noch bessere Kandidaten geben könnte.

Mein Eindruck ist, dass gerade junge Menschen besonders an Nähe, Treue und Liebe für immer glauben und hoffen. Es sind eher die älteren, die sagen: Den Stress tue ich mir nicht mehr an. Statistiken bestätigen das.

Ich glaube auch nicht, dass es mehr Singles werden, die sich bewusst gegen eine Beziehung entscheiden. Ich denke, je wertvoller die Liebesbeziehung heute bewertet wird – und das tun wir mehr als andere Generationen vor uns – umso größer der Druck unter den wir uns und unsere Partner setzen. Das führt zu dem Wunsch, alles zu verbessern und sich noch mehr Mühe zu geben. Diese Über-Anstrengungen verhindern aber Beziehungen ebenso. Wir stehen uns also selbst im Weg bei der Partnersuche.

Wie haben sich denn Beziehungen in den vergangenen 20 Jahre verändert?

Wir haben neue Beziehungsmodelle von „Monogam-isch“, also „so gut wie treu“, bis hin zu Mingles, das ist eine Halbbeziehung mit möglichst viel Freiheit und wenig Verbindlichkeit. Für jeden ist etwas dabei. Das muss ja erst einmal ausprobiert werden und das braucht Zeit.

Deshalb (natürlich nicht nur!) heiraten in Deutschland Paare auch immer später. Also Anfang bis Mitte 30. Das war vor 20 Jahren noch unter 30. Hier sieht man das Problem für Frauen. Für sie wird die Zeit zwischen verbindlicher Partnerwahl und Familiengründung kürzer und der Druck höher. Druck hat noch nie jemanden glücklich gemacht.

Was haben Selbstwertgefühl und Egoismus mit dem Beziehungsverhalten zu tun?

Je mehr ich mich selbst unter Druck setze, das Beste verdient zu haben, umso mehr muss ich selbst diesem ideal hinterherjagen. Sich Liebe verdienen zu müssen ist ein Zeichen von einer unsicheren Bindungshaltung und geringem Selbstwert. Liebe dich selbst, dann lieben dich auch die anderen, ist ein Appell für mehr Gelassenheit und NICHT für mehr Druck und mehr Selbstoptimierung.

Egoisten hingegen sind eher vermeidende Bindungsmenschen. Ihnen ist Anerkennung und Individualität wichtiger als Nähe. Auch das übrigens ein Zeichen von zu wenig und nicht von zu viel Selbstwert.

Diese unsicheren Typen geraten natürlich an die vermeidenden Typen. Die ziehen sich gegenseitig an – denn die sicheren Typen, die sind nahezu immer vergeben. Das sind etwa 50 der Prozent der Bevölkerung, die nie lange allein ist und immer gleich eine neue Partnerschaft eingeht.

Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise