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Woanders Ist Das Gras Immer Grüner – Wirklich?

Woanders ist das Gras immer grüner – wirklich?

Die eigene Beziehung ist langweilig? Heimliche Schwärmereien und ausgelebte Fantasien: Warum Menschen so sehr reizt, was sie nicht haben. Und wie leicht sie dadurch aus den Augen verlieren, dass sie schätzen und pflegen könnten, was sie haben. 

Wir können nur begehen, was wir nicht haben. So heißt es. Eines der Geheimnisse glücklicher Langzeitpaare ist, gerade dennoch schätzen zu lernen, was man am Partner hat. Mit offenen Armen und dankbar die Geborgenheit und die Vertrautheit annehmen, die eine solche Beziehung mit sich bringt – und gleichzeitig die Leidenschaft am Leben zu erhalten mit einem Menschen, den man in und auswendig kennt, bei dem die Fantasie nicht mehr so viel Spielraum hat, schließlich gibt es (fast) nichts, was man nicht bereits zusammen gemacht und erlebt hat.

Beziehung langweilig geworden?

Viele Paare erreichen diesen Punkt, wo man nicht mehr ständig übereinander herfallen muss, nach einigen Jahren der Beziehung. Die erste Verliebtheit hat sich gewandelt in tiefe Zuneigung, die ersten Konflikte wurden ausgetragen und verhandelt, die rosarote Brille erkennt durchaus bereits unangenehme Wahrheiten … Kurz: Während wir uns ja nun in einen sympathischen Menschen verliebt haben, testen wir in der Zeit danach aus, ob wir auch mit dessen unsympathischen Seiten auf Dauer zurecht kommen werden. Es prallen also nicht mehr die Hormon gesteuerten Verklärungen der Partner aufeinander, sondern ihr Realitäts-Check.

In dieser Phase fragen sich viele, ob ihre Partnerwahl denn nun richtig war, ob dies der Mensch ist, mit dem man auch in zehn oder zwanzig Jahren gut befreundet sein und Bett und Tisch teilen möchte, vielleicht eine Familie gründen will. Je nach Persönlichkeit verhalten sich manche Menschen nun sehr abgeklärt, sie wägen ab, sortieren ihre Gedanken, vergleichen die Ziele und Lebenspläne des Partners mit den eigenen und entscheiden sich – hoffentlich – für ein gemeinsames Leben. Andere, die vielleicht schlechte Beziehungserfahrungen gemacht haben und sich schützen möchten vor neuen Verletzungen, beobachten sehr, vielleicht sogar überkritisch genau, die Schwächen des Partners und zweifeln, ob es wirklich passt.

Das Gras auf der anderen Seite ist nicht grüner

Wer zweifelt an sich, der Beziehung, am Partner, der entdeckt häufig genau dann, dass es auch noch andere Menschen gibt, die an einem Interesse haben und die als Partner zumindest theoretisch in Frage kommen könnten und passen würden. Arbeitskollegen erscheinen attraktiver als früher, beim Sport oder im Freundeskreis tauchen neue Personen auf, auf die man unbeschwerter und unvoreingenommener zugehen kann, weil man mit ihnen ja auch noch keine Diskussionen über Teilung der Haushaltsaufgaben führen musste und in der Fantasie – fast – alles möglich ist.

Warum gehen Menschen fremd? Affären entstehen nach meiner Beobachtung nicht so häufig über Dating-Apps, wie viele denken. Es sind vielmehr Kontakte aus dem Freundesumfeld und der Arbeit, die sich langsam festigen und intensiver werden. Irgendwann spricht man dann über die Beziehung, wie zufrieden man eigentlich ist, aber dass eben doch manchmal … Und schon entsteht mit dem Kontakt eine Exklusivität außerhalb der Beziehung: denn man spricht nun über etwas mit einer anderen Person, über das man mit dem Partner nicht spricht. Und man fühlt sich endlich wieder rundum verstanden. Das ist der Stoff, aus dem langjährige Affären entstehen, die wenn sie auffliegen, nahezu immer die Beziehung zerstören. Die Reue kommt dann – Sie ahnen es – nach einigen Jahren, wenn sich der Zyklus wiederholt.

So mancher Rasen ist künstlich und nichts als eine Vermarktungslüge

Aber auch wenn ich Dating-Apps nicht die ganz große Schuld an Untreue gebe (abgesehen von den echten Seitensprung-Apps, die nun offensichtlich genau ein Bedürfnis decken, das aber hier nicht das Thema ist): das Internet und die sozialen Medien spielen eine bedenkliche Rolle, wenn es um die Beziehungszufriedenheit geht. Wenn Menschen Situationen festhalten, dann meist die schönen Momente. Ob gewollt oder unbewusst, wir inszenieren und mit jedem Foto auf Instagram, mit jedem Posting bei Facebook. Und viele Bilder zeigen daher, wie gut das Leben sein kann. Für den Betrachter bedeutet das vor allem: wie gut das Leben der anderen sein kann.

Und da man in sozialen Medien sich aufhält, weil man – sei es durch Likes oder Kommentare – einen kleinen Boot des Egos erhalten möchte, einen kleinen Dopamin-Kick, wird automatisch die eigene Situation gegenüber der inszenierten Wirklichkeit abgewertet. „Das möchte ich auch!“, ist der eine Gedanke. „Warum habe ich das nicht?“, ist der andere. Bis hin zu: „Was stimmt nicht bei mir?“ Das Gras, das grüner erscheint, wurde mit einem Filter aufgenommen, das weiß der Betrachter durchaus, aber in der Masse und der Gewöhnung macht es bald keinen Unterschied mehr und die Überzeugung festigt sich: Da draußen gibt es etwas, das schöner und besser ist, als das, was ich habe.

Es wird Zeit, den eigenen Rasen besser zu pflegen

Die Lösung heißt Achtsamkeit. Denn wer den Partner und seine Beziehung nicht für selbstverständlich hält, der kann Glücksgefühle durch Dankbarkeit erleben. Es sind die vielen „kleinen“ Freuden, die liebevolle Nachricht in der Mittagspause, das überraschende Geschenk, der spontane Ausflug oder eine gemeinsame neue Entdeckung. Der Domain-Kick kommt dann beim Anblick des Partners.

Das ist nicht so einfach, wie es sich liest. Man kann nicht einfach den Schalter umlegen und sagen: Ich sehe jetzt nur noch die schönen Momente, erfreue mich an dem was ich habe und vergesse, was ich nicht haben kann. Zum einen ist das gefährlich, weil nun auch nicht jede Beziehung immer rundum super und gleichberechtigt läuft, und die muss dann durchaus verändert und verbessert werden, zum anderen funktionieren Menschen nun einmal nicht so. Sie können leichter Energie aufwenden, um etwas Neues zu beginnen, als etwas Bestehendes zu verbessern. Viele Paare trennen sich in einer solchen Phase nach einigen Jahren nicht, weil sie wirklich unglücklich sind, sie trennen sich, weil sie vermuten, sie könnten in einer anderen Beziehung glücklicher werden.

Nun nehmen wir aber in eine neue Beziehung unsere eigenen Fehler und Schwächen mit. Wenn ich also mit meinem Partner heute zu selten über die gemeinsamen Wünsche und Fantasien spreche, um diese überhaupt zusammen ausleben zu können, so werde ich das in der nächsten Beziehung kaum anders halten. Es erscheint vielleicht so zu Beginn, wenn man sich kennenlernt und alles voneinander erfahren möchte, aber das Muster wird sich wiederholen. Bis eben erneut der Rasen woanders irgendwie grüner aussieht.

Deshalb: tun Sie etwas für Ihren eigenen Rasen. Pflegen Sie Ihre Beziehung. Machen Sie daraus den schönsten Garten, den Sie gemeinsam anlegen können. Denken Sie daran, dass es nicht die Momentaufnahme ist, die am Ende zählt und Ihre Beziehungszufriedenheit ausmacht, sondern wie sich der Weg dorthin anfühlt. Das Traumpaar mit dem tollen Strandfoto auf Instagram hat sich vielleicht stundenlang gestritten, weil es den Weg nicht gefunden hat, für ein Lächeln und eine Pose, die nur eine Sekunde Bestand hatte. Konzentrieren Sie sich lieber auf die Reise, die dauert länger und ist deutlich befriedigender, wenn sie beiden Partnern Freude bereitet. Finden Sie Spaß am Gärtnern mit Ihrem Partner – bevor Sie ein Auge auf andere Gärten werfen.

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Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise