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Warum Werde Ich Immer Betrogen?

Warum werde ich immer betrogen?

Schicksal? Pech? Selbst Schuld? Warum geraten manche Menschen immer wieder an untreue Partner?

Ein Interview über Muster bei Partnerwahl und in der Beziehung, über Bindungsstile und das Ausbrechen aus der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung.“

Gebrannte Kinder scheuen das Feuer und doch erleben Frauen immer wieder, dass Sie sich in jeder neuen Beziehung in einer ähnlichen Rolle wiederfinden – z.B. als Betrogene. Was sind hierfür die Ursachen?

Eric Hegmann: Die meisten Menschen favorisieren bei ihrer Partnerwahl gewisse Persönlichkeitsaspekte und Verhaltensweisen an einem Partner anziehend. Nun sind die alle bipolar, das heißt, eine vermeintliche Schwäche ist auch immer eine Stärke und umgekehrt. Ein Beispiel: eine extravertierte Persönlichkeit wird einerseits als stark kommunikativ erlebt, andererseits aber auch als sehr Ich-bezogen. So ist ein freiheitsliebender Partner einerseits selbstbewusst und unabhängig, was von fast jedem als attraktiv empfunden wird, andererseits sind diese Menschen auch schneller zu einem Seitensprung bereit, als jemand, der (vermeintlich) weniger Chancen hat. Hinzu kommt der persönliche Bindungsstil. Jemand mit einem ängstlichen Bindungsstil sucht im Partner Halt und Bestätigung. Die bieten beispielsweise selbstbezogene Menschen, die häufig einen vermeidenden Bindungsstil haben.

Ein Klischee aus der Praxis: er ist der ehrgeizige und erfolgreiche Manager, der sich durchsetzen und die Rolle eines Versorgers ausfüllen kann. In der Beziehung zeigt er jedoch kaum fürsorgliche Tendenzen, da der Beruf seine wichtigere Rolle zur Selbstbestätigung einnimmt. In der Folge bleiben kaum Freizeit und Muße für gemeinsame Aktivitäten übrig – die sind aber für ein Wachstum der Partnerschaft notwendig sind. Sie hat sich in den selbstbewussten Mann verliebt, der seinen Weg geht und leidet nun schnell darunter, zu wenig Zuneigung zu erhalten. Das führt dazu, dass sie ihn einerseits permanent drängt, mehr Nähe zuzulassen (was er mit Rückzug quittiert) und andererseits mit Liebesentzug protestiert (was für ihn Rechtfertigung darstellt, seine sexuellen Wünsche anderswo zu befriedigen). Solange sie also derartige Partner wählt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die Muster und damit die schmerzhaften Erfahrungen wiederholen.

Wer einmal betrogen wurde, hat verständlicherweise in der nächsten Beziehung wieder Angst vor einer ähnlichen Situation. Wie kann man dem am besten aus dem Weg gehen? Was sind häufige „Fehler“?

Ein Weg ist, die Muster in den bisherigen Beziehungen zu suchen und diese dann bewusst zu durchbrechen. Voraussetzung ist eine Änderung der inneren Haltung und das geht nicht von jetzt auf gleich, dazu gehören neue positive Erfahrungen, um sich von den alten negativen nicht mehr leiten zu lassen. Das bedeutet einen hohen Energieaufwand. Verständlich neigen wir stattdessen dazu, erfahrene Wege zu gehen mit dem Gedanken: beim nächsten Mal kenne ich das Problem und mache es besser. Es gibt einen klugen Satz: „Hätte ich es besser machen können, hätte ich es besser gemacht.“

Es braucht Veränderungen, bevor man tatsächlich grundlegend andere Strategien anwendet. „Ich gebe mir mehr Mühe“ ist keine neue Strategie. Es ist dieselbe mit höherem Energieaufwand und Potential zu größerer Verletzung und Enttäuschung. Es gibt keinen Grund, weshalb eine lange erfolgreiche Strategie plötzlich erfolgreich werden könnte und unter gleichen Voraussetzungen ein anderes Ergebnis herauskommen sollte. Der Mut zu Veränderungen im eigenen Verhalten und auch bei der Partnersuche und Partnerwahl wichtig, um frühere Probleme zu vermeiden und neue Lösungen zu finden. Konkret kann es sein, mit Eifersucht anders umzugehen, andere Regeln für die gemeinsame Sexualität zu definieren als früher, also bspw. den Wunsch nach mehr oder weniger Sexualität in der Beziehung anders zu thematisieren als in früheren Partnerschaften.

Werden Selbstzweifel („Ich bin immer das Opfer“) irgendwann zur „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“?

Leider ja. Die Situation gibt ihnen schließlich recht: Es ist genau so gekommen, wie sie ahnten und prophezeiten. in der nächsten Beziehung nehmen sie sich also vor, es so weit nicht kommen zu lassen und kontrollieren heimlich die SMS des Partners. Der kommt dahinter und seine Abwehrreaktion wird sein: „Sie will mich kontrollieren, das kann ich nicht zulassen“ – und beginnt mit dem Rückzug. Das setzt in ihr den Wunsch nach mehr Nähe frei: Das Drama beginnt erneut.

Alleine aus diesem Teufelskreis heraus zu kommen, kann sehr schwer sein und Menschen, die darunter stark leiden, sollten für sich überlegen, ob ihnen ein Therapeut oder ein Coach nicht helfen kann.

Wie verhindert man übermäßige Ängstlichkeit bzw. grundlose Eifersucht?

Eifersucht kann aus Angst entstehen, einen geliebten Menschen zu verlieren, aber sie kann auch Selbstzweck sein, wenn der Grad der Eifersucht als Maß der Liebe verstanden wird. Also: je eifersüchtiger ich reagiere, umso besser weiß er, wie sehr ich ihn liebe. Wer beispielsweise ein solches Verhalten in der Familie erlebt hat, übernimmt dies oft in die eigene Beziehung. Manchmal provoziert ein Partner Eifersucht, um auf sich aufmerksam zu machen. Zunächst muss man sich mit den Ursachen der eigenen Eifersucht beschäftigen und die sind individuell unterschiedlich. Grundsätzlich gehen selbstbewusste Menschen leichter mit Verlustängsten um, deshalb ist es nie verkehrt, etwas für sich und eine positive Selbstwahrnehmung zu unternehmen. Findet man sich selbst nicht attraktiv, lauern natürlich an jeder Ecke Verführungen für den Partner. Lässt sich bei einem Partner mit ängstlichem Bindungsstil Eifersucht ganz verhindern? Vermutlich nicht. Aber Verlustangst und Kontrollzwang sind nun auch nicht förderlich in einer Beziehung, deshalb sollten stark eifersüchtige Menschen daran arbeiten, wenn sie in der Zukunft sichere Beziehungen führen möchten.

Wie setzt man diese Thematik dem neuen Partner am besten auseinander?

Der Partner ist hier gefragt, denn er darf nicht nachgeben. Bekommt die unsichere Person das Gefühl, die Kontrolle der Nachrichten sei in Ordnung, wird sie ihr Verhalten nicht hinterfragen. Auch der Partner, der nichts zu verbergen hat, sollte eine solche Verletzung seiner Individualität und vor allem Infragestellung seiner Ehrlichkeit keinesfalls zulassen. Die sich selbst erfüllende Prophezeiung wäre bereits in Gang gesetzt.

 

Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise

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