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Streiten Oder Lieber Schweigen?

Streiten oder lieber schweigen?

Viele Paare  vermeiden lieber einen Konflikt als ihn auszufechten, weil Streiten in einer Beziehung als schlecht für die Liebe gilt. Doch Abwarten und Aussitzen geht mittel- und langfristig schief.

Garantiert: Ein Problem, das nicht gelöst wird, kommt immer wieder – das geht nicht einfach weg. Und bei seiner Rückkehr ist es durch die in sich hineingefressene Wut und Vorwürfe noch viel größer und schwerer zu lösen. Einige Menschen, wenn sie nicht mehr mit Argumenten weiterkommen, um sich eine Mauer des Schweigens. Damit entgehen sie zwar – zunächst – einem Krach. Doch Schweigen ist für den Partner eine Zurückweisung und Bestrafung: Das kann nicht gut gehen. Nicht dauerhaft zumindest.

In der Vorstellung ist jede Liebesbeziehung in erster Linie liebevoll und romantisch. Und wer sich dazu von Bildern glücklicher Pärchen auf Pinterest und Facebook zum Vergleichen verleiten lässt, dann agieren schnell viele Paare konfliktscheu und harmoniesüchtig, um nur nichts falsch zu machen. Dabei streiten sich auch die erfolgreichen Paare. Sie machen das allerdings auf Augenhöhe und lösungsorientiert. Das heißt: Sie respektieren, dass die Wünsche des Partners gleichberechtigt den eigenen Wünschen sind. Das bedeutet übrigens auch, dass es Probleme gibt, die sich nicht durch einen Kompromiss lösen lassen. Weil dann beide Partner unbefriedigt aus der Auseinandersetzung gehen.

Dabei ist es durchaus gut, im Ärger nicht zu streiten, denn Streit ist Stress und wenn unser Gehirn unter Stresshormonen steht, schaltet der Verstand ab und es funktioniert nur noch unser evolutionäres „Reptiliengehirn“, das nur zwei Funktionen kennt: Flucht und Angriff. In dieser Situation sollte man Streit tatsächlich vermeiden und besser einmal durch den Park joggen, denn Laufen schwemmt die Stresshormone aus dem Körper und der Verstand kann wieder ein paar – hoffentlich gute – konstruktive Vorschläge machen. Vor dem Streit Angst zu haben, ist jedoch keine Lösung! Wenn zwei Menschen zusammenleben, ist es unvermeidlich, dass es unterschiedliche Bedürfnisse gibt. Diese vorwurfsfrei zu äußern, ist der Schlüssel zum Erfolg. Konfliktscheue Menschen neigen jedoch häufig zu der Beleidigt-Schweigen-Strategie. Und die regt jeden auf: ,Du musst schon selbst herausfinden, warum ich sauer auf dich bin. So lange rede ich nicht mit dir.‘ Diese Haltung führt schnurgerade zu Problemen im Schlafzimmer – und wenn der Sex wegfällt, dann fehlt eine wichtige Bindung.

Viele Streitthemen sind in Wahrheit unerfüllte Erwartungen.

In seinem LoveLab sagt Professor John Gottman, Autor des Buches „Die Vermessung der Liebe“, dass er anhand der Streitkultur eines Paares fast immer vorhersagen kann, ob es zusammenbleibt. Seine Erkenntnisse werden erfolgreich in der Paarberatung angewendet. Wenn beispielsweise im Streit abgewertet wird, wenn Erpressungen ausgesprochen werden oder durch Schweigen der Partner „bestraft“ wird, dann wird eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die schwer aufzuhalten ist. Irgendwann überwiegen dann die negativen Gefühle, die Zuversicht schwindet, dass man es als Paar „schaffen“ kann und die Beziehung zerbricht.

So streiten Sie als Paar „richtig“:

Abbrechen, wenn es aus dem Ruder läuft
Männer bauen das Stresshormon Adrenalin übrigens langsamer ab als Frauen und benötigen eine längere Pause. Wenn es also hitzig wird: Streit abbrechen und vertagen. In schlechter Stimmung zu streiten, belastet Ihre Beziehung und löst keinen Konflikt. Versuchen Sie es erst gar nicht. Ihr Körper ist im Stress immer noch auf die prähistorischen Herausforderungen von Steppe und Höhle programmiert.

Streiten Sie nicht über unlösbare Probleme
Manchmal müssen Sie sich einfach Freiheiten zugestehen. Das hat auch mit Respekt zu tun. Es gibt Partnerschaftsprobleme, für die es keinen Kompromiss und auch kein Tauschgeschäft geben kann. Familienplanung beispielsweise. Wenn ein Partner keine Kinder haben möchte, wird der Austausch von Argumenten nichts an seiner Haltung ändern. Doch es muss gar nicht so existentiell sein: Auch ein extrovertierter und ein introvertierter Partner werden aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihrer unterschiedlichen Wertvorstellungen immer wieder aneinander geraten. Ein Paar, das sich stetig gegenseitig zwingt, zurückzustecken, wird auf Dauer unglücklich werden.

Versuchen Sie erst gar nicht, den Partner nach Ihren Wünschen zu verformen
Sehr viele Streitthemen sind in Wahrheit unerfüllte Erwartungen. Im Einzelfall lässt sich vielleicht prüfen, ob der Partner überhaupt dazu da ist, Ihre Erwartungen zu erfüllen und ob Sie im umgekehrten Fall sich ein solches Verhalten gefallen lassen würden. Immer gilt: Sie können Ihren Partner nicht ändern. Aber Ihre eigene Haltung. Und wenn Sie ganz ehrlich in sich hinein hören: Wenn ein Thema Sie so richtig nervt und belastet, dann hat das vermutlich mehr mit Ihnen selbst zu tun als mit Ihrem Partner. Um eine glückliche, harmonische Beziehung zu führen, müssen Sie nicht in allen Dingen einer Meinung sein.

Erfolgreiche Paare suchen kreative Lösungen
Wenn Sie ein System verstanden haben, können Sie es ändern. Allerdings ist es schwer möglich, von innen ein System vollständig zu erfassen. Das verhindert, Lösungen zu finden, die außerhalb Ihrer beider Wahrnehmung bestehen. Für viele Paare, die sich über Haushaltsteilung zoffen, kann eine Putzhilfe bereits eine solche Lösung von außen darstellen. Bei anderen Fragen ist vielleicht die Unterstützung durch einen Coach, Berater oder Therapeuten hilfreich. Oder Sie lassen sich ganz bewusst von anderen Paaren inspirieren und testen aus, ob deren Lösungsansätze für ähnliche Probleme Ihnen helfen würden.

Ziehen Sie an einem Strang
Jedes Problem birgt die Chance, die bisherige Situation zum Besseren zu wenden. Das klingt aufgesetzt, trifft es aber. Nach einem „guten“ Streit fühlen sich beide Partner mit dem ausgehandelten Ergebnis fair behandelt. Doch wie kommen Sie dahin? Stellen Sie sich zum Beispiel vor, wie Sie mit Ihrem besten Geschäftspartner streiten würden: Respektvoll, sach- und zielorientiert, im Wissen, dass Sie gemeinsame Ziele verfolgen, sich und Ihrem Partner nichts Böses wünschen und dass Sie sich nun mal zusammengetan haben, weil Probleme sich gemeinsam besser lösen lassen und Sie sich dabei ergänzen können.

Seien Sie nicht nachtragend
Wer nach dem Streit auf den Partner zugeht, ist nicht der Schwache, sondern der Mutige. Wenn Sie vor der Versöhnung etwas länger brauchen, um die Betriebstemperatur wiederherzustellen, prägen Sie sich ein, dass Sie den Mut Ihres Partners honorieren sollten. Das klappt vielleicht nicht beim ersten Mal, aber die Aussage: „Danke, dass du auf mich zugehst, aber ich benötige noch einen Moment für mich“ wird Ihrem Partner ausreichend Lob und Anerkennung signalisieren, um den Mut nicht zu verlieren und Ihnen hilft beim Abkühlen, klare Ansagen machen zu können.

Lernen Sie Verzeihen
Wer sich versöhnt, der zeigt seine Bemühung, den anderen zu verstehen und seine Meinung zu akzeptieren. Dazu gehört, jeden Gedanken an Bestrafung und Rache aufzugeben. Damit kann dann die Vergangenheit ruhen, wir sind offen für die gemeinsame Zukunft und bereit, dem Partner und unserer Beziehung zu vertrauen und eine weitere Chance zu geben.

Finden Sie ein Ritual der Versöhnung
Ja, das kann natürlich der Klassiker sein. Beim Liebesspiel haben Stresshormone keine Chance und so sorgen die Botenstoffe beim Sex für einen Reboot des Gehirns und danach lassen sich dank der Bindungshormone besonders gut Probleme besprechen. Wir fühlen uns geborgen und vertraut, da sind wir offen für Kritik und schneller bereit, neuen Lösungswegen eine Chance zu geben. Zugegeben: Männer wollen danach eher schlafen als diskutieren.

Nehmen Sie sich in den Arm!
Für viele Paare genügt als Ritual der Versöhnung bereits eine innige Umarmung. Dabei wirken Botenstoffe wie Oxytocin ebenso beruhigend und entspannend. Das Gefühl, sich trotz aller Differenzen körperlich nah sein zu können, löst Blockaden, die beispielsweise durch Schuldgefühle entstanden sein können. Finden Sie ein Ritual, das zu Ihnen passt. Manche Paare joggen gemeinsam, andere zocken auf der Spielekonsole und killen Untote – was immer Ihnen beiden das Gefühl einer Bindung gibt, funktioniert.

Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise

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