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Richtig Streiten – So Unterschiedlich Streiten Frauen Und Männer

Richtig streiten – So unterschiedlich streiten Frauen und Männer

Dieser Artikel beschreibt, was beim Streiten in uns vorgeht, ob und weshalb Frauen und Männer unterschiedlich streiten und wie Partner liebevoll miteinander umgehen können, selbst wenn sie nicht einer Meinung sind. Mit Video

Welchen Einfluss haben unsere Gefühle?

Ganz wichtig: Die Sache mit den Gefühlen. Dazu kurz eine Zeitreise in unsere stammesgeschichtliche Vergangenheit als unser Gehirn noch nicht so weit entwickelt war. Als unsere Vorfahren blitzschnell entscheiden mussten, ob Freund oder Feind vor ihnen steht, blieb keine Zeit, darüber lange nachzudenken und abzuwägen. Genauer gesagt: dass konnten die Vorfahren auch noch nicht, denn dieser Bereich des Gehirns, der sich erinnern, der in die Zukunft planen kann, der abwägt und Strategien entwickelt, den gab es noch nicht. Diese Regionen mussten sich noch entwickeln. Deshalb blieb unseren Vorfahren nur Flucht oder Gegenangriff. Das funktioniert heute immer noch, denn die neuen Regionen haben die alten nicht ersetzt, sondern kamen hinzu. Wenn Sie aus dem Augenwinkel beim Überqueren der Straße einen Wagen sehen, springen Sie entweder zurück auf den Gehweg oder Sie bleiben (hoffentlich nicht) erstarrt stehen. Wie Ihre Reaktion auch sein wird: Sie werden sich nicht die Zeit nehmen, Tempo und Entfernung auszurechnen oder ein Ausweichmanöver zu überlegen. Ihr Instinkt oder Ihr Unterbewusstsein sagt Ihnen, was zu tun ist. Was hat das mit Streiten zu tun?

Jede Kritik ist wie ein Angriff

Das Problem mit dem Streiten ist: Werden wir kritisiert, empfinden wir das als Angriff. Wir nehmen uns ja durch die Augen unseres Partners wahr. Ist der sauer auf uns, werden wir mit einer Wahrnehmung konfrontiert, die unseren Selbstwert angreift. Darauf reagieren wir wie unsere Vorfahren instinktiv mit Angriff oder Flucht. Je schwächer unser Selbstwert, umso heftiger erleben wir die Kritik als Attacke und umso deutlicher wird unsere Reaktion ausfallen. Dabei geht es nicht darum, ob das Streitthema bedeutsam ist. Was wir erleben in diesem Moment ist: Der geliebte Mensch liebt uns nicht mehr, er greift uns an! Diesen Effekt hat jede Kritik. Eine starke, selbstbewusste Person empfindet Kritik als weniger bedrohlich als eine beispielsweise durch viele vorangegangene Streitereien bereits geschwächte Person. Eine im Selbstwert geschwächte Person neigt entweder zu Bindungsangst oder zu Verlustangst. Eine Person, die leicht Verlustangst spürt, wird eher mit allen Mitteln um den Erhalt der Liebe kämpfen, eine Person, die leicht Bindungsangst spürt, wird versuchen, Distanz zu schaffen und zu flüchten. Erinnern Sie sich an Ihre letzte Streitsituation. Was genau haben Ihnen Ihre Gefühle gesagt? Was empfanden Sie? Gehen Sie Schritt für Schritt Ihre Reaktionen durch. Wann setzte Ihre Vernunft ein? War es bereits während des Streits – oder kamen Sie erst lange nach der Auseinandersetzung dazu, einen „klaren Gedanken zu fassen“?

Der Verstand weiß es besser – er ist nur so viel langsamer

Wenn wir im Affekt handeln, hatte der Verstand keine Zeit, sich einzubringen in die Überlegung, was denn nun am besten zu tun wäre. Je nach individueller Prägung sind wir spontaner, aggressiver oder vermeidender. Aber die Abläufe sind bei allen Menschen gleich. Bei den kleinen und den großen Konflikten. Unser Beziehungsohr hört immer: „Würde er/sie mich lieben, würde er/sie nicht …“ Doch weil ganz besonders der Selbstwert bestimmt, wie stark ihre Reaktion ausschlägt, ist auch genau an dieser Stelle ein Ansatz, die Situation zu deeskalieren und die lässt sich üben.

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Typische Geschlechter-Klischees, die Konflikte erzeugen

Warum sind Männer so vergesslich und zeigen so wenig Interesse?

Angeblich vergessen Männer alles, was Frau Ihnen aufträgt. Geburtstage, Jahrestage, weit im Voraus geplante Termine: Der Eindruck, dass Männer solche Tage häufiger vergessen, hat meines Wissens jedoch keine statistische oder wissenschaftliche Grundlage. Vielmehr ist es wohl so, dass es eine Frage der Persönlichkeit ist, ob und wie viel der Partner für die Beziehung und die Beziehungszufriedenheit des Partners investieren möchte. Und hier erleben wir eine spannende Dynamik: Immer wieder tun sich nämlich Paare zusammen, bei dem der eine Partner einen größeren Nähe-Wunsch hat als der andere. Nach dem Modell der Bindungstheorie ziehen sich ängstliche Typen, die stehen für Verlustangst, und vermeidende Typen, die stehen für Bindungsangst, ungeheuer an. Die Folge: Alles wird zur Bewährungsprobe, wenn eine ängstliche Frau auf einen vermeidenden Mann trifft. Der Gedanke dahinter: Würde er mich wirklich lieben, würde er an unseren Jahrestag denken. Weshalb dies häufiger von Frauen thematisiert wird? Weil Männer, denen es so geht, dies seltener ansprechen, wird von Ihnen doch eine emotionslosere Haltung erwartet. Tipp: Lernen Sie, wie Sie den Kalender Ihres Smartphones bedienen können.

Warum müssen Frauen eigentlich alles zerreden?

Die Frage muss eher lauten: Warum kommt es Männern so vor, als würden Frauen so viel sprechen? Denn wir wissen aus Studien, dass Frauen und Männer durchschnittlich pro Tag etwa 16 000 Wörter von sich geben. Es gibt Quasselstrippen, die schaffen 47.000 Wörter am Tag, der schweigsamste Untersuchte kam auf wenig mehr als 500 Wörter. Es gibt also tatsächlich gewaltige Unterschiede in der „verbalen Aktivität“ einzelner Menschen – aber die haben zumindest messbar nichts mit dem Geschlecht zu tun. Ich will aber hinzufügen, dass einige Forscher das Gegenteil behaupten. Sie beziehen sich beispielsweise darauf, dass Frauen ja das kleinere Gehirn hätten, dafür sich aber im weiblichen Sprachzentrum bis zu 11 Mal mehr Zellen befinden als im männlichen. Das passt zum Klischee. Ist aber wohl nach heutigem Wissenstand Käse. Die modernen Möglichkeiten der Hirnforschung haben alte Theorien seit bald 15 Jahren widerlegt. Damit zurück: Warum kommt es Männern so vor, dass Frauen so viel mehr reden würden? Weil sich Frauen anders ausdrücken, beschreibender formulieren und mehr Aufmerksamkeit erfordern damit als Männer, die untereinander Sachinformationen austauschen.

Warum sind Frauen so empfindlich, was ihr Aussehen betrifft?

Männer sehen ihren Körper als ein Werkzeug an und viele Tausend Jahre war das auch so. Da gab es noch keine Fahrzeuge und ob die Jagd erfolgreich werden würde, entschieden Muskeln, Ausdauer und Geschick. Dinge, die sich trainieren lassen. Ein Körper soll funktionieren, das erlebten Männer früher. Heute fühlen sich viele Männer in ihrer Arbeit nicht sonderlich anders. Sie sollen funktionieren, Mann und Körper definieren sich durch ihren Nutzwert. Frauen dagegen erleben ihren Wert ganz früh bereits definiert durch ihr Aussehen. In den Studien zu „The Man’s Guide to Women“ zeigen Professor John Gottman und seine Ehefrau Julie Schwartz auf, dass eine Frau in der westlichen Welt heute unglaubliche 400 bis 600 Werbeanzeigen pro Tag sieht. Mindestens eine von elf Anzeigen beinhaltet eine Aussage, wie eine attraktive, erfolgreiche und glückliche Frau aussehen sollte. Mit 60 hat jede Frau etwa sechs Millionen solcher Anzeigen betrachtet. Das beginnt bereits im Kinderwagen. „Du bist aber ein hübsches Mädchen,“ sagt, dass es etwas Gutes sei, attraktiv zu sein. Immer und immer wieder. Vom Baby zur erwachsenen Frau. Es braucht wenig Vorstellungsvermögen um nachzuvollziehen, dass sich diese Aussage irgendwann im Gehirn einer Frau fest verdrahtet hat. Die eigentliche Frage so manchen Konfliktes lautet also: „Liebst und begehrst du mich immer noch?“ Und entsprechend sollte die Antwort eben nicht sein: „Du bist nicht attraktiv, wenn du mit mir streitest“.

Warum bilden Männer die „Mauer des Schweigens“?

Fast alle Männer fangen irgendwann an zu schweigen. Das verschärft jeden Konflikt. Denn sehr vereinfacht gesagt: Die meisten Frauen stresst es, wenn etwas nicht zu Ende besprochen wird. Die meisten Männer stresst es, wenn ein Gespräch kein Ende findet. Wenn es um Streit geht, ist häufig der Grund, dass Frauen Stresshormone im Gehirn wohl schneller abbauen als Männer. Deshalb haben Männer das Bedürfnis, um den Block zu gehen, weil Bewegung durch Stoffwechsel den Stress aus dem Gehirn schwemmt. Das männliche Gehirn schaltet bei Stress irgendwann regelrecht ab. Das ist dann die Mauer des Schweigens. Die Partnerin sucht derweil immer noch nach einer Lösung. Tipp an die Männer: Sagen Sie, wenn Sie eine Pause benötigen. Tipp an die Frauen: Wenn der Partner nichts mehr sagt, bieten Sie eine Pause an. Sie kommen mit Argumenten sowieso nicht mehr durch.

Streiten will gelernt sein: Die vier goldenen Regeln fürs Streiten

  • Steigen Sie in einen Streit respektvoll ein. Je schärfer Sie attackieren, umso schärfer der Gegenangriff oder umso weiter die Flucht.
  • Verzichten Sie auf Vorwürfe, denn die provozieren immer einen Kreislauf aus Attacken und Rückzug. Dazu gehören „Ich-Botschaften“ statt „Du-Angriffen“.
  • Bleiben Sie sachlich, sonst droht die Abwärtsspirale der Abwertung. Die Beziehung ist gefährdet, wenn Sie keinen Respekt mehr voreinander zeigen.
  • Vermeiden Sie Verletzungen. Wer im Streit tief verletzt wird, zieht sich zurück und resigniert. Dann können Sie Ihren Partner nicht mehr erreichen.

Eine Studie sagt: Ein Mann mit ängstlichem Bindungsstil und eine Frau mit vermeidendem Bindungsstil ergeben die beständigste Paar-Dynamik. Ist da etwas dran? Was bedeutet ängstlicher oder vermeidender Bindungsstil? Interview mit Paarberater Eric Hegmann.

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Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise

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