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Lässt Sich über Den Wert Von Liebe Streiten?

Lässt sich über den Wert von Liebe streiten?

Es gibt die in Liebesdingen schicksalsorientierten (Liebe auf den ersten Blick) oder wachstumsorientierten (Liebe wächst aus Sympathie und Verliebtsein) Menschen: Die einen vertrauen darauf, dass die Liebe auf den ersten Blick mehr ist als sexuelle Anziehungskraft und die anderen, dass aus besten Freunden irgendwann Liebende werden können. Der Einfluss des Bindungssystems auf die Partnerwahl sorgt außerdem für unterschiedliche Bedürfnisse, beispielsweise wenn es um Nähe und Distanz geht. Nicht immer ist Liebe, was sich wie Liebe anfühlt. Verlustangst und Bindungsangst sind Gegenspieler – die sich in der Paar-Dynamik anziehen und für viel Spannung sorgen.

Sehnsucht ist etwas anderes als Liebe

Ist Spannung ein Must-Have der Liebe? Was wir im Kino und im Fernsehen sehen, was wir lesen, was wir hören, dann sind vor allem Beschreibungen von Sehnsucht. Selten geht es um Liebe. Es geht um Begehren, sexuelle Anziehungskraft, Leidenschaft. Um den Wunsch, sich mit der geliebten Person zu vereinen. Jetzt. Gegen alle Widerstände. Dabei kommt Liebe oft sehr langweilig daher: auf dem Sofa, mit Popcorn und Chips, zusammengekuschelt, die Köpfe beieinander. Der Herzschlag gleicht sich einander an. Geborgenheit. Ausatmen. Zur Ruhe kommen. Sich sicher fühlen. Welche Bilder werden sich mehr Menschen ansehen wollen? Die Leidenschaft oder den Alltag? Nach meiner Überzeugung ist vor allem diese gescriptete Realität der Grund, weshalb Liebe und Sehnsucht so oft missverstanden werden. Und wer sein Bild von der Liebe solch künstlichen Vorbildern entnimmt, wird beim Kampfkuscheln zunächst Langeweile, später sogar Panik verspüren, dass der Liebe etwas fehlt, sogar zweifeln, ob es sich um Liebe handelt.

In der Beratung erlebe ich sowohl Paare, deren Liebesbeziehung mit einem Paukenschlag begannen als auch die anderen Paare, die sich jahrelang kannten und irgendwann bemerkten, dass es nicht nur Freundschaft ist, die sie verbindet und ich kann Ihnen versichern: Paare unterscheiden sich nicht in den Herausforderungen Ihrer Beziehungen. Sie müssen auf die Veränderungen von innen und außen reagieren, als Individuen und als Paar. Die Werkzeuge, mit denen sie arbeiten, ihre Partnerschaft zu bewahren und die Liebe zu leben, die sie haben, sind gleich: Fürsorge, Vertrauen, Rücksicht, Kompromissbereitschaft, Ehrlichkeit, Respekt, Anerkennung, Zuversicht, Optimismus … So viele Beziehungen es gibt, so viele Anleitungen gibt es.

Keine Beziehung ist weniger wert als eine andere

Mich ärgert, wenn Menschen aus der eigenen Wahrnehmung heraus ihre Sicht zum Maßstab erheben. Wenn der Altersunterschied eines Paares als „zum Scheitern verurteilt“ abgetan wird. Wenn ein kinderloses Paar „seine Pflicht nicht erfüllt“ hat. Wenn Paare mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund verunglimpft werden als Verräter. Wenn die – verächtlich „Homo-Ehe“ genannte – gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft eine „minderwertige Ehe“ ist. Wenn die Liebe, die im Internet ihren Anfang nahm, erst einmal hinterfragt werden muss.

In ungezählten Interviews wieder werde ich wieder und wieder gefragt:
„Kann eine Liebe, die Online beginnt, Bestand haben?“  – Ja. Schauen Sie sich um. Heute kennt jeder mindestens ein Paar im Bekanntenkreis, das sich über das Internet gefunden hat.
„Stehen die Chancen dafür gut oder schlecht?“ – Das kommt auf die Bereitschaft der Partner an, es miteinander zu probieren. Ob sie Zuversicht zeigen, sie auch in vielen Jahren gerne zusammen sein werden.
„Aber was erzählen sie dann ihren Enkeln?“ – Wie es war.

Sind solche Fragen nicht anmaßend und respektlos gegenüber den vielen Paaren, die sich im Internet kennengelernt haben und seit zehn oder 20 Jahren zusammenleben? Wir leben in einer digitalen Welt, in der wir uns privat und im Beruf permanent online aufhalten. Es wäre schrecklich, hätte die Liebe nicht einen Weg ins Digitale gefunden hätte und wir müssten auf sie dort verzichten, wo wir uns aufhalten. Es wird immer Alternativen geben für Menschen, denen diese Kontaktaufnahme nicht liegt. Doch eine Generation, die mit Facebook und WhatsApp groß wird, zieht die Grenzen zwischen online und offline sowieso ganz anders, als dass diese Frage noch lange gestellt werden wird. Eher werden sich die Enkel wundern, weshalb ihre Großeltern sich für ihre Liebe verteidigen müssten.

Ich frage mich und Sie: Liegt Liebe in der eigenen Hand? Und wenn nicht: in wessen?

Gibt es Liebe, die wertvoller ist als eine andere? Und wenn ja: Wer darf das beurteilen und warum?

Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise