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Ist Liebe Wirklich So Schwer?

Ist Liebe wirklich so schwer?

Vermeintlich „wahre“ Liebesdefinitionen bergen große Gefahren

Einige Menschen glauben ganz genau zu wissen, welche Liebe richtig ist, welche wertvoll, welche minderwertig. Jeder, der Liebe sucht und sich fragt, was sie für ihn bedeutet, ist mir sehr viel lieber. Ich mag es nicht, wenn Liebesdefinitionen aufgezwungen werden sollen. Als Chefredakteur des Magazins beziehungsweise biete ich Lesern die Plattform, ihre persönliche Liebesgeschichte zu erzählen, unabhängig davon, ob sie vielleicht aus einer Affäre entstanden ist. Die Wut, die manchmal dort kommuniziert wird, wenn das eigene Treueverständnis von anderen, die ja meine Beziehung überhaupt nicht tangieren, unterschiedlich gesehen wird, empfinde ich manchmal als bedenklich intolerant. Ich arbeite gerade an meinem neuen Buch „Die Disneyfizierung der Liebe“, in dem ich den modernen Liebes-Mythen nachgehe. Die sind teilweise erschreckend und unser Medienkonsum heute fokussiert uns auf immer weniger, dafür aber immer problematischere Mythen. Einige sind besonders einfach und gaukeln uns vor, dass sich zwei Liebende schon finden, egal wie unterschiedlich sie ticken, es braucht eben nur Mühe. Diese Sicht ist jedoch gescriptet und dramaturgisch poliert, weil sie sich sonst nicht verkauft. Genau betrachtet ist auch ein Märchen (das hat nicht Disney erfunden, dennoch dominieren heute Disney-Geschichten unseren Markt) wie „Die Schöne und das Biest“ ziemlich schwierig, denn es sagt – sogar der selbstbewussten Frau, die Belle hier verkörpert –, dass sie nur lange genug Einsatz zeigen muss, dass aus dem Monster ein Prinz wird. Was für eine furchtbare Aussage in einer Zeit, in der die Gewalt von Männern gegenüber ihren Partnerinnen deutlich zugenommen hat, wenn diese versuchen, sich von ihnen zu lösen beispielsweise.

Liebe braucht Geduld

Geduld ist eine Tugend, die hat man oder man war zu ungeduldig, um sich für sie anzustellen. Schwieriger finde ich, dass wir permanent vergleichen, wem es besser geht als uns. Kein Paar postet ein Foto von der hitzigen Diskussion über den richtigen Weg zum Strand. Wir sehen nur das glückliche Paar in den Wellen. Was macht das mit dem Betrachter: Er fragt sich, warum bin ich jetzt nicht glücklich am Strand? Was stimmt mit mir und meiner Beziehung nicht?

Liebe hat viele Gesichter und ich finde es schwierig, Beziehungsmodelle zu bewerten. Wenn ein Paar die Beziehung öffnet – und allein die Definition, was eine offene Beziehung sein mag, ist ja nirgendwo festgelegt – dann geht es zunächst darum, ob die Partner ihre Bedürfnisse zu beiderseitiger Zufriedenheit verhandelt bekommen. Ob Außenstehende das auch gut finden, kann dem Paar völlig gleichgültig sein. Doch die meisten dieser neuen Modelle sowie der daraus entstandenen Verhaltensweisen wie Ghosting, Hyping oder Benching sind von dem Verhältnis vermeidendes und ängstliches Bindungsverhalten geprägt. Die führen tatsächlich viele Paare und später die Getrennten in meine Praxis. Denn wer einmal in einer emotionalen Abhängigkeit war, gerät sie ziemlich sicher aus der Position der Schwäche heraus, aus der er nun verletzt einen starken Partner sucht, direkt in die nächste, wenn er nicht etwas dagegen unternimmt wie eine Coaching.

Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise