Plötzlich Meldet Er Sich Nicht Mehr. Was Tun Beim Rückzug?

Er meldet sich nicht mehr. Was tun beim Rückzug?

Sie verbrachten mit Ihrem neuen Kontakt eine tolle Zeit, er war aufmerksam, fürsorglich und liebevoll: aber er meldet sich plötzlich nicht mehr

Oder er hat keine Zeit. Oder wirkt unnahbar und fremd. Sie suchen seine Nähe – aber er zieht sich immer mehr zurück. Sie bemühen sich und signalisieren Interesse – ihn scheint das abzuschrecken. Was ist passiert?

Zu jeder Kennenlern-Phase gehört auch der Rückzug

Ihre Beziehung hat eine neue Stufe erreicht: die Verhandlungsphase ist nun im vollen Gange. Sie haben sich besser kennen gelernt, gemeinsame Zeit verbracht und sind sich nicht nur körperlich nahe gekommen. Vielleicht fühlen Sie sich euphorisch, vielleicht sind Sie verliebt. Wenn alles gut lief bisher wünschen Sie sich, dass es von nun an nur noch besser und intensiver wird.
In den meisten Fällen führt diese Nähe jedoch dazu, weil sich einer der Beiden besinnt, dass es auch ein Leben vor dem oder der Neuen gab und zieht sich zurück, um sich zu mit sich selbst zu beschäftigen, um sich zu ordnen – oder sogar um eine Entscheidung zu treffen. Häufig wechseln sich die Beiden darin sogar ab. Diese Phase ist übrigens nicht nur normal, sie ist auch die Heikelste und birgt das höchste Fehlerpotenzial.
Gehen wir zunächst davon aus, nicht Sie, sondern Ihr Partner beginnt mit dem Rückzug. Das fängt manchmal schleichend an, meistens werden Sie es wie ein Bruch erleben.

Ein Beispiel beschrieb Miriam L. aus Frankfurt: „ Er verschwand am Sonntagmittag ohne einen Hinweis darauf, wann wir uns das nächste Mal sehen würden. Normalerweise kündigten wir bei der Verabschiedung an, wie es weitergehen würde. „Ich rufe am Abend an!“ oder „Lass uns Montag vielleicht ins Kino gehen“. Aber diesmal kein Kommentar und kein Hinweis. Für mich wirkte es, als würde er gar nicht mehr zurückkommen wollen. Obwohl ich den Umschwung registrierte, tat ich so, als hätte ich nichts bemerkt. Am Abend rief ich dann an und wartete nicht ab, bis er sich meldete.“

Für den zurückgelassenen Partner kann ein Rückzug schlimmer als ein klar besprochenes und begründetes Ende sein. Er weiß in der Regel nämlich nicht, was los ist. In dieser Phase werden Sie folgendes klassisches Gespräch oft hören:
„Hast du irgendetwas?“
„Nein. Alles in Ordnung.“
„ Bist du sauer auf mich?“
“Warum sollte ich denn sauer sein?“
„Das weiß ich nicht. Aber du verhältst dich einfach anders und distanzierter.“
„Ich bin im Moment einfach sehr angespannt und habe viel zu tun. Mach dir keine Gedanken!“

Dies ist die Zeit, wo die liegen gebliebene Steuererklärung plötzlich drängt, der Job jeden Abend vollen Einsatz fordert oder man einfach „mal wieder einen Tag allein auf dem Sofa“ braucht. Und wo der Betroffene nicht weiß, ob er diese Gründe glauben darf oder nicht.

Woran erkennen Sie den Rückzug?

Es gibt zahlreiche Hinweise: SMS werden nur noch nach langen Pausen beantwortet, auch (oder vor allem) die wichtigen. Bereits eingefahrene Rituale werden abgesagt. Sie sprechen seltener über zukünftige Dinge. Der Partner unternimmt zunehmend Dinge alleine ohne Sie einzuladen.

Sie sind beunruhigt, werden nervös. Aber Sie können nicht wirklich etwas dagegen unternehmen, denn Sie haben dazu gar kein Recht und Sie dürfen keine Ansprüche stellen. Dafür ist es in dieser Phase zu früh: Noch gab es keine Entscheidung und kein Commitment. Es ist nur ein Rückzug – der möglicherweise eine Entscheidung herausfordert.

Aber Rückzug bedeutet noch nicht Stillstand. Doch er kann eine Vorstufe sein, vor allem, wenn Sie sich jetzt falsch verhalten. Lassen Sie uns ansehen, was bei einem solchen Rückzug tatsächlich passiert: In der Phase zuvor sind Sie sich näher gekommen, plötzlich wird das Tempo gedrosselt. Es geht nun darum, die eigenen Ängste vor einer Bindung zu bewältigen.

Wenn Sie häufig nach drei oder vier Monaten auch intensivem Dating wieder alleine dastehen, scheitern Sie vielleicht in der Rückzugsphase. Prinzipiell gibt es hier zwei Varianten: Ihr Partner verliert gewöhnlich das Interesse oder das Ende geht von Ihnen aus. Im ersten Fall könnte es sein, dass Sie etwas tun, was die Ängste des Anderen entfacht oder schürt. Im zweiten Fall überreagieren vielleicht Sie auf Signale, weil diese in Ihnen Panik auslösen.

Es heißt: „Angst ist ein schlechter Ratgeber!“. Wenn wir also davon ausgehen, dass derjenige, der den Rückzug einläutet, dies aus Furcht tut – und der Zurückgelassene nun in Panik verfällt, dann haben wir kaum noch Potenzial für den Fortgang dieser Beziehung.

Miriam L. erzählte weiter: „Wenn ich ihn anrief, war er nett und höflich, aber er hatte meist keine Zeit und musste rasch auflegen. Die Gespräche blieben unverbindlich. Ich war besorgt, dass ich etwas Falsches gesagt oder getan hatte. Kurz vor seinem Rückzug waren wir auf einer Party einer Freundin gewesen und ich stellte ihn zum ersten Mal meinem Bekanntenkreis vor. Ich vermutete, dass sich dort jemand ihm gegenüber schlecht benommen hatte und versuchte, das wieder gut zu machen. Ich bombardierte ihn mit Einladungen und schickte liebevolle SMS. Aber je mehr ich auf ihn zuging, umso weiter wich er zurück.“

Die Geschichte von Miriam ist typisch: Ein Partner erlebt (möglicherweise auf der Party) eine Situation, die ihm vor Augen hält, in welche Richtung er sich gerade bewegt. Er bremst ab, denn bei Beibehaltung des bisherigen Tempos wäre drei Wochen später die Eheschließung angesagt. Er benötigt etwas Zeit für sich. Und die sollten Sie ihm unbedingt lassen.

Gewähren Sie Rückzugsmöglichkeiten!

Sie kennen doch die Regel: „Haben Sie viel Geduld. Sie möchten nicht verzweifelt und bedürftig wirken.“ Fast immer gilt in der Rückzugssituation: Wer drängelt, hat verloren. Denn damit werden Sie den anderen garantiert nur in seinen Ängsten bestätigen.

So hart es klingt: Es gibt nichts, was Sie jetzt ändern können! Ihr Partner hat Sie gewählt, hat sich mit Ihnen auseinandergesetzt – jetzt muss er das mit sich tun. Diese Phase hat nichts mit Ihnen zu tun!

Ich hatte vorhin erwähnt, dass Rückzug auch die Vorstufe zum Stillstand sein kann. Dies ist tatsächlich so. Häufig tritt dies ein, wenn die Beziehung eine andere Richtung nimmt, als zu Beginn geplant oder abgesprochen. Beispielsweise wenn sexuelle Anziehung der vorrangige Grund für das Dating war und sich nun nach einigen Wochen bei einem Partner darüber hinaus gehende Gefühle entwickelt haben. In einer solchen Situation kommt es häufig vor, dass der nicht emotional engagierte Partner den Status Quo durch einen Stillstand festhalten will und weitere Annäherungen ablehnt.

So schmerzhaft das für den verliebten Partner ist: Er wird den anderen nicht überreden, überzeugen oder sonst wie „zur Vernunft“ bringen. Wenn die Dating-Phase nicht aus dem festen Interesse einer Bindung begonnen wurde, wird die Rückzugsphase das Ende der Beziehung einläuten.

„Ich wusste genau, dass er etwas für mich empfindet. Er traute sich nur nicht, seine Gefühle zuzulassen“, sagte Francesca D. aus Berlin. Solche Aussagen werden häufig getroffen und sind meist der Beginn eines langen und aussichtslosen Kampfes. Womöglich gelingt es dem verliebten Partner sogar, die eigenen Bedürfnisse zurückzusetzen und dem Anderen glaubhaft die Angst vor Nähe zu nehmen – jedoch nur für kurze Zeit. Dann beginnt die Rückzugsphase wieder von neuem. Und mit jeder Wiederholung verliert die Beziehung an Unschuld und Leichtigkeit.

Es gibt viele Menschen, die in dieser Phase nicht loslassen können und noch einmal die Chance erhalten möchten, ihre allerbeste Seite zu zeigen. Solche Anstrengungen sind unnötig, denn die Werbephase ist längst vorüber.

„Am Ende wollte ich nur noch wissen, warum sie uns keine Chance gegeben hat.“, erzählte mir Daniel W. aus Köln. „War ich zu klein, zu hässlich oder schlecht im Bett? Ich schrieb ihr kilometerlange Briefe, aber sie hat – wenn überhaupt – nur ausweichend geantwortet.“ Ob eine Erklärung Daniel wirklich weiter geholfen hätte? Welchen Unterschied hätte es gemacht?

Nicht immer ist der Rückzug eines Partners die Folge der vorangegangenen Annäherung. Lassen Sie uns zwei andere Gründe ansehen:

Natürlich kann es sein, dass dem Rückzug ein Problem vorangegangen ist. Beispielsweise kann ein Streit, ausgelöst durch ein echtes Fehlverhalten eines Partners, eine angehende Beziehung auf eine harte Probe stellen. Jedoch ist dies nicht die hier beschriebene Situation und muss je nach Härtegrad des Problems entschieden werden.
Auch nicht zu verwechseln ist der Fall, wenn sich das Verhalten des Partners in einer Weise ändert, die mit Unehrlichkeit zu tun hat. Annette M. aus Berlin sagte: „Wenn ich das Gefühl habe, etwas stimmt nicht – dann stimmt auch etwas nicht! Damit meine ich nicht grundlose Eifersucht sondern kleine Signale, die mir deuten, dass die Interessen unterschiedlich sind.“

Oftmals hat ein Rückzug etwas mit der prinzipiellen Bereitschaft zu tun, sich zu binden. Wenn Sie feststellen, dass Sie regelmäßig nach zwei Monaten das Gefühl haben, Ihr Date ist nicht als Partner einer langfristigen Beziehung geeignet, könnte es gut sein, dass Sie und nicht der Andere nicht „passen“, denn letztlich haben Sie entschieden, den Kontakt zu vertiefen. Möglich, dass Sie unbewusst solche Partner suchen als Teil einer Strategie der passiven Beziehungsverweigerung.

Manche Singles haben bei aller Leidenschaft, die sie in die Partnersuche stecken, doch vor einer Beziehung eine derart große Furcht, dass sie alles tun, diese erst gar nicht zuzulassen. Sie sehen es sich während der Dating-Phase zunächst mit Interesse an – und wenn sie feststellen, dass es nicht nur Türen, sondern auch Wände gibt, geraten sie in Panik. Solche Menschen verlieren das Interesse an anderen regelmäßig nach einer oft sehr intensiven Verführungsphase.

Dieses Syndrom beschreibt Christoph M. aus Karlsruhe sehr typisch: „Ich merke nach einigen Monaten meist, dass ich eigentlich gar keine Zeit für eine Beziehung habe. Da ist der Sport, meine Freunde, die Karriere. Wahrscheinlich will ich doch Single sein!“ Christoph ist ein typischer Rückzugskandidat. Ebenso wie Bianca L. aus München: „Irgendwann fiel mir auf, dass ich meinen Freundinnen meine neuen Liebhaber immer mit einem „aber“ vorgestellt habe. Ich sagte: „Er ist ein klasse Typ, aber er lässt überall seine Sachen herumliegen.“ Oder: „Er ist im Bett großartig, aber eigentlich stehe ich nicht auf behaarte Typen.“

Singles, die in ihren Partnern die Fehler geradezu suchen, die sich verbindlich geben, aber dann doch unverbindlich bleiben wollen, entpuppen sich häufig als Beziehungsverweigerer. Hier unterscheiden Therapeuten zwischen den aktiven und passiven Beziehungsverweigerern, also jenen, die aktiv zum Ausdruck bringen, dass sie eine Partnerschaft nicht möchten, und jene, die sich in eben Vertreter dieser Gruppe überschwänglich verliebt und um sie wirbt – denn die Perspektivlosigkeit der Beziehung ermöglich furchtlos das aufeinander Zugehen. Der passive Beziehungsverweigerer ist sich also seiner Sache sicher und kann sich emotional völlig fallen lassen.

Spielen Sie keine Spielchen. Wenn Sie Anzeichen des Rückzugs entdecken, bewahren Sie zunächst Geduld. Seien Sie wie immer, nehmen Sie sich etwas zurück und geben dem Partner mehr Zeit für sich. Aber hören Sie jetzt nicht auf, anzurufen. Oder sprechen Sie keine Einladungen mehr zum Kino aus. Es ist nicht so, dass Sie Schwäche zeigen, weil Sie weiterhin Ihr Interesse bezeugen. Das würden Sie nur, wenn Sie jetzt an sich zweifeln und alle Munition verschießen, die Sie haben. Sie zeigen nämlich keine Stärke, wenn Sie nun auf Unnahbar machen. Im Gegenteil: Der Andere könnte sich in dem Gefühl bestärkt fühlen, dass dies alles keinen Sinn macht.

Wichtig ist, dass Sie jetzt wieder Unabhängigkeit und Selbstsicherheit beweisen. Sollte diese Distanz dazu führen, dass Sie sich beide weiter voneinander entfernen – dann werden Sie dies akzeptieren müssen. Durch Drängen, Panikreaktionen, Betteln und Flehen scheitern Sie aber auf jeden Fall. Sie haben also nichts zu verlieren, wenn Sie wieder einige Dinge mit anderen Freunden unternehmen und ebenfalls Zeit für sich nutzen.

Die beste Reaktion auf einen Rückzug des Partners ist: „Halten Sie sich zurück!“ Fahren Sie übers Wochenenden alleine weg, schalten Sie mal wieder den Anrufbeantworter ein, schaffen Sie ein wenig mehr Distanz. Das wird Ihnen ebenfalls gut tun.

Ein Klassiker in einer solchen Situation ist, vor allem, wenn das Rückzugs-Karussell bereits mehrfach gedreht wurde, dass den Beiden von Freunden empfohlen wird: „Nehmt euch doch mehr Zeit füreinander!“ Dies ist Wasser auf den Mühlen des Unterlegen, der sich ja wieder nach mehr Nähe sehnt – aber Gift für den Überlegenen, der sich bemüht, durch etwas Distanz Zeit für sich zu finden. Vielleicht bemüht er sich sogar, trotz seiner Zweifel und Ängste, dem potenziellen Partner wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, doch bereits nach kurzer Zeit wird er das Gefühl haben, seine Bedürfnisse würden zu kurz kommen.

Wenn Sie denken, diese Situation kann genauso später in einer Beziehung oder Ehe eintreten: Sie haben Recht. Sie werden immer wieder – auch nach einem Commitment – erleben, dass Sie im Rückzug-Karussell sitzen. Und im besten Fall ist jeder einmal Herausforderer und Rückzieher oder Überlegener und Unterlegener.

Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise