Digitaler Salon Eric Hegmann Humboldt Institut Berlin

Digitaler Salon am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

 

Es ging um Liebe im Netz und das Humboldt Institut in Berlin hatte mich eingeladen. Von der Talkrunde gibt es eine Video- und eine Audio-Aufzeichnung.

Im Vorfeld hatten die Gäste einige Fragen erhalten, die ich hier beantworten möchte.

Wie stellt ihr euch die Zukunft des Datings vor?


Die Grenzen werden sich noch mehr vermischen. Ist das Anschreiben über WhatsApp oder Snapchat eines Freundes von Freunden, den man auf einer Party gesehen hat, offline oder online-Dating? Werden Wearabels signalisieren, ob wir in Flirt- oder Dating-Laune sind? Oder wird uns Augmented Reality verraten, wer Single ist? Alles, was Sie sich vorstellen können, wird es geben.

Wie werden sich (traditionelle) Kennenlern- und Beziehungsmodelle verändern?

Das Bedürfnis nach der einen großen AMEFI-Liebe, also Alles mit Einem für Immer wird nach meiner Beobachtung sogar größer. Die Freiheiten der Sexuellen Revolution interessieren aktuell nicht so viele junge Menschen, scheint mir. Insofern werden alle Dating-Formen daran gemessen werden, ob sie das jeweilige Bedürfnis ihrer Nutzer erfüllen können. Sei es Liebe oder Sex. Letztlich wird ja im Netz zunächst nur ein Kontakt hergestellt. Das Kennenlernen oder näher Kennenlernen verläuft in den gewohnten Wegen und Phasen. Ein Muster heißt häufig: Nach sechs Wochen suche ich lieber etwas, das besser passt.

Wie und wo haben sie sich bereits verändert?


Das Internet ist heute nach Freundeskreis und Arbeitsplatz bereits Platz 3 der Kuppler. Vor zehn Jahren war das noch die Freizeit. Für mich zeigt das ganz gut, dass viele Formen des Dating im Internet auch eine Freizeitbeschäftigung geworden sind. Auch logisch, denn wir verbringen immer mehr Zeit im internet. Es ist vermutlich sogar gut, dass wir dann auch wenigstens dort Liebe und Beziehungen finden können, wenn wir uns schon so viel dort aufhalten.

Haben wir es hier mit der völligen Ökonomisierung der Liebe zu tun?

Natürlich wird mit Liebe Geld verdient. Mit unserem Bedürfnis, begehrenswert zu sein. Mode, Kosmetik, Fitness, Bildung – alles wirbt mit Sex und Liebe. Ich selbst verdiene mein Geld, indem ich Menschen helfe, die einen großen Leidensdruck bei der Partnersuche oder in ihrer Partnerschaft haben.

Die eigentliche Ökonomisierung der Liebe ist aber doch die Ehe als Bildung einer Wirtschaftsgemeinschaft, um dem Nachwuchs den Besitzstand vererben zu können. Ökonomisierung der Liebe ist für mich auch das Hinaufheiraten in einen besseren gesellschaftlichen Status. Das ist heute eher nebensächlicher geworden. Wir leben in einer Zeit der völligen Überromantisierung der Liebe. Einer Disneyfizierung von Liebe, wo es um ein idealisiertes Ziel von ewiger Liebe und Treue aber weniger um echte, reale Beziehungsmodelle geht. Paare können heute ihre Beziehungsform völlig frei verhandeln. Sie tun es nur nicht.

Online-Dating als konsequente Fortführung von Selbstoptimierung und Ökonomisierung? Ist das nur traurig oder einfach die nächste Stufe unseres Cyborg-Daseins?


Es ist, was Sie daraus machen. Am Ende gibt es keine gute und schlechte Liebe, es gibt nur glückliche und unglückliche Paare und Verhaltensweisen, die Partner unglücklich machen. Dabei ist völlig unerheblich, wie die Partner zusammen gekommen sind. Es gibt allerdings erste Studien, die den Partneragenturen die stabileren Beziehungen bescheinigen. Das mag daran liegen, dass die Liebe auf den ersten Blick, dieses absolute Disney-Ideal eben doch meist sexuelle Anziehungskraft ist.

 

Algorithmus (Tinder) oder Mensch (Parship) – wer verkuppelt besser?


Es ist genau umgekehrt. Der Mensch macht wisch und weg bei Tinder. Hinter Parship verbirgt sich ein Test, der misst, wie diese beiden Personen sich wohl nach einigen Jahren Beziehung verstehen würden.

Was sind Kernfragen, die Menschen z.B. Parship beantworten müssen und wie werden die ausgewählt?


Der Test berücksichtigt 32 Persönlichkeitsmerkmale, beispielsweise Ihr Wunsch nach Nähe und Distanz. Die Fragen entstammen allen validierten Tests und seit 15 Jahren wurde der Test millionenfach beantwortet und seither immer wieder überarbeitet. Die Fragen sind so gewählt, dass Sie nicht erkennen können, was sich dahinter verbirgt. So können Sie nicht sozial erwünscht antworten. Und das soll auch so bleiben. Der Test wurde ursprünglich von Professor Schmale entwickelt und wird nun einem Team aus Soziologen und Psychologen weiter betreut.

 Wie wichtig ist die „Geschichte” beim Kennenlernen einer Person?

Wichtig ist nach meiner Erfahrung, was das Paar daraus macht. Solange es gut läuft werden die meisten Partner ihre Geschichte nur ein klein wenig reframen, also schöner, außergewöhnlicher, schicksalhafter darstellen. Langzeitpaare antworten meist, dass Sie sich erst beim zweiten oder dritten Treffen wirklich verliebt haben. Dagegen steht aber Hollywood mit dem Anspruch: Es muss sofort Peng machen. Das ist jedoch eine Illusion. Wichtig ist, dass sich Menschen sympathisch sind. Wenn dann noch Zeit ist, Vertrauen zu schaffen und ein sexuelles Interesse besteht, stehen die Chancen gut, dass sie sich verlieben.

Entmenschlichung durch Swipen, Wischen, Tindern? Nehmen wir uns heute nicht mehr als Mensch, sondern vor allem als Profil wahr?

Die Frage ist ein wenig: Können Menschen sich im Spiegel erkennen? Ich denke schon, dass die Meisten wohl ein Bild und einen Satz auf dem Monitor als genau das ansehen: ein Bild und ein Satz auf einem Monitor. Anders sehe ich das bei einem Facebook-Profil. Bei dieser masse an kontinuierlichen Informationen, Interaktionen, Bewertungen und dem sozialen Umfeld ist ein Facebook-Profil ein optimiertes, kontrolliertes Abbild einer Person, so wie die sich zeigen will. Die wahre Person dahinter ist nicht auf dem ersten Blick zu erkennen.

Wie verändert sich die Wahrnehmung von sich selbst und anderen durch diese Art des Datings?


Das Problem sehe ich persönlich weniger beim Dating, denn am Ende zählt da ja der echte Kontakt und die echte Berührung im wahren Leben. Aber gefährlich wird meine Beziehung für mich beim Vergleich mit anderen Paaren beispielsweise auf Instagram oder Facebook. Wir gehen in Soziale Medien meist mit dem Bedürfnis nach Information, Ablenkung und Bestätigung durch Likes und Kommentare. Was wir sehen, sind die optimierten und geschönten Momente von Paaren, die uns ihre wundervollen Momente zeigen. Logisch, denn die anderen fotografiert man auch nicht. Aber das bedeutet eine maximale Diskrepanz zwischen unserem Gefühl (eher meh) und unserem Erleben (allen anderen geht es super). Das tut uns nicht gut: die Vergleiche mit selbstoptimierten Marketing-Darstellungen in allen Lebenslagen. Wir bekommen nur den tollen Strand am Ende der Welt zu sehen. Nicht wie das Paar sich gestritten hat auf dem Weg dorthin und wie mühsam die 20 Stunden Flug waren.

Werden menschliche Beziehungen so flüchtiger, egaler, leichter zu beenden?


Es ist wohl eine Charakterfrage, denke ich. Ghosting ist ein viel besprochenes Thema derzeit. Also das alte Phänomen des Untertauchens und nicht mehr Meldens mit einem schicken englischen Begriff. Mir ist allerdings aufgefallen, dass es teilweise bereits den Anspruch einer Verbindlichkeit nach zwei oder drei Mails gibt. Das finde ich riskant, denn auch ein erstes oder zweites Date ist kein Heiratsversprechen. Da interpretieren viele Singles nach meinem Eindruck zu viel Verbindlichkeit hinein. Das ist Hoffnung, das ist gut. Aber die Enttäuschung ist dann umso schmerzlicher.

Eric Hegmann

Eric Hegmann berät seit 15 Jahren Singles und Paare. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit rund 10 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins www.beziehungsweise.de