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Die Disneyfizierung Der Liebe – Mythos Liebe Auf Den Ersten Blick

Die Disneyfizierung der Liebe – Mythos Liebe auf den ersten Blick

Die Liebe auf den ersten Blick ist etwas Wunderschönes. Das Warten darauf kann aber unglücklich machen. Die Disneyfizierung der Liebe verhindert glückliche Partnerschaften.

Prinz trifft Prinzessin, Junge trifft Mädchen (und selbstverständlich viele weitere Varianten) und es macht „Peng“. In der griechischen Mythologie hat dann Amor seine Pfeile geschossen und es kommt zusammen, was zusammen gehört.

„Etwa die Hälfte aller Liebesbeziehungen starten als ‚Liebe auf den ersten Blick‘“, sagte der Fachmann Dr. Wolfgang Krüger in einem Interview. Für die anderen 50 Prozent der Fälle gilt das Prinzip „Slow Love“ und die Liebe entwickelt sich allmählich, zum Beispiel im Kollegenkreis.

Ich gebe zu, diese Zahlen kann ich nach meinen Erfahrungen mit Klienten nicht bestätigen. Die Erfolgsquote beim Speed-Dating wäre immens höher, würde es so häufig auf den ersten Blick „funken“. Amor schießt auch in der Regel nur einen Pfeil. Dass der zweite dann ebenfalls trifft, ist schon arger – aber wunderschöner – Zufall. Die Wahrheit würde ich irgendwo in der Mitte verorten und beim zweiten oder dritten Blick. So beschreibt die Mehrheit der Langzeitpaare auch ihr Kennenlernen. Die Erklärung hierfür: Viele der „Liebe auf den ersten Blick“-Paarungen erweist sich als sexuelle Anziehungskraft und die Partnerschaft hält nicht 15 Jahre oder länger und vor allem, befragte Paare idealisieren ihr Zusammentreffen im Nachhinein. Dieses „Reframing“ schützt den eventuell zunächst zögernden Partner und ein schicksalhafter Beginn einer Beziehung ist aktuell sozial erwünscht. Wir erleben eine Disneyfizierung von Liebe und Partnerschaft. In Zeiten von dramaturgisch aufpolierten Liebesgeschichten in den Medien wird der „Normalfall“ als langweilig erlebt. Es muss schon Schicksal sein, um im vergleich mitahlten zu können. Dass es sich dabei um unrealistische Paare handelt, die zusammengefunden haben, weil sie so auf die Hoffnung maximaler Gewinnerwartung geschrieben und gezeichnet wurden, spiel in der Beurteilung keine Rolle. Umfragen nach dem Liebespaar führen nach wie vor Romeo und Julia und das tragische Paar aus „Titanic“ an. Und das trotz des jeweils tragischen Ausgangs.

Wir wissen, dass Menschen in den ersten Sekunden entscheiden, ob ihnen ihr Gegenüber sympathisch ist. Das hat wohl stammesgeschichtliche Gründe, denn es musste schnell gehen, zwischen Flucht, Angriff und Bleiben zu wählen, weil das Überleben davon abhing. Interessant ist dabei, dass neue Studien herausgefunden haben, dass sich in Gruppen über eine längere Zeit die Sympathien verschieben können. Der erste Eindruck wird also revidiert und neue Beziehungen geknüpft. Es gibt also doch eine zweite Chance für den ersten Eindruck.

Berliner Forscher untersuchten, wie sich Speed-Dating-Kontakte weiterentwickelten: 68 Prozent der Studienteilnehmer tauschten E-Mails aus, 40 Prozent telefonierten, 39 Prozent trafen sich. Nur fünf Prozent der Kandidaten waren ein Jahr in einer verbindlichen Liebesbeziehung.

Wir erleben eine Disneyfizierung von Liebe und Partnerschaft

Der Beziehungsforscher Bernhard Murstein nannte die Liebe auf den ersten Blick: Ein Mythos. Und von Bernhard Shaw stammt angeblich der Satz: Die Liebe auf den ersten Blick ist so treffsicher wie eine Diagnose basierend auf Händedruck.

Aber es gibt die Liebe auf den ersten Blick zweifellos. Das ist wunderschön. Sie ist aber kein Garant für eine lebenslange Partnerschaft. Wer ausschließlich auf Amors Pfeil(e) wartet, gerät in Gefahr, die Liebe, die vielleicht in unmittelbarer Nähe wartet, zu übersehen, weil er keinen zweiten oder dritten Blick zulässt. Echte Liebesbeziehungen sind keine Disney-Filme und nur die allerwenigsten von uns sind Prinzen oder Prinzessinnen. Das heißt keineswegs, dass wir nicht wundervolle Beziehungen führen können. Wir dürfen sie nur nicht verpassen.

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Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise

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