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Deshalb Gibt Es Immer Mehr Singles

Deshalb gibt es immer mehr Singles

Selbstoptimierung und hohe Ansprüche: Bleiben deshalb so viele Singles allein? Und warum macht Dating so wenig Spaß?

Theoretisch ist es ganz einfach, neue Menschen kennenzulernen. Die wichtigsten Kuppler sind der Freundeskreis und der Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Wer auf diesem Trampelpfad niemanden trifft, der geht online, wo man über Singlebörsen und Partneragenturen mit Personen Kontakt knüpfen kann, denen man sonst nie begegnet wäre. Das geht ganz ohne Öffnungszeiten und 24/7.

Da, wo sich Menschen aufhalten, da knüpfen sie auch Kontakt. Denn der Wunsch nach Bindung ist uns einprogrammiert. Als Babys können wir alleine nicht überleben, wir erfahren uns also sofort als Wesen, das nur in einer Gruppe bestehen kann, und suchen deshalb nach Bindung. Die Erfüllung finden wir, wenn wir eine Person finden, mit der wir uns vorstellen können, das ganze Leben zu teilen.

Unser Gehirn sehnt sich nach Austausch und will neue Erfahrungen machen und lernen und unser Körper nach Nähe und Geborgenheit. Natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Manche Menschen sind extravertierter, anderer introvertierter. Mancher ist eher ein Schwarmtyp und fühlt sich am wohlsten mit einem großen sozialen Netz, ein anderer zufrieden im Kreis der Familie oder beim Cocooning mit dem Partner. Doch grundsätzlich lässt sich festhalten: Alleinsein ist eher nicht typisch menschlich.

Singles sind nicht zwingend allein und einsam

Singles haben vielleicht keinen Partner, aber sie haben Freunde, Bekannte, Familienmitglieder. Einige Singles entscheiden sich bewusst für das Leben ohne Partner, andere warten ab, bis der passende kommt, andere führen alternative Beziehungsmodelle wie Freundschaft Plus und wieder andere leiden ernsthaft unter erfolgloser Partnersuche.

Singlesein ist kein Makel. Aber für manche Singles ist das Alleinsein eine Qual. Sie sind frustriert von der Partnersuche, von den Zurückweisungen, den Dates voller Versprechungen, die nicht eingelöst werden und den Enttäuschungen auf dem Weg des Kennenlernens. In der Beratung von Singles und Single-Coaching höre ich immer wieder folgende Fragen:

Die Sache mit den Ansprüchen

“Der Partner muss heute das leisten, früher ein ganzes Dorf zuständig war“, bringt es die Therapeutin Esther Perel auf den Punkt. Und so lautet ein häufiger Vorwurf an Singles: Du hast einfach zu hohe Ansprüche. Nun, jeder setzt seine Standards, die für eine Beziehung erfüllt werden müssen. Jeder hat Dealbreaker, die hingegen eine Beziehung unmöglich machen. Dazwischen ist eine Menge Raum, je höher die Ansprüche und Erwartungen sind, umso enger. Niemand will sich mit dem Zweitbesten zufrieden geben. Niemand möchte eine falsche Entscheidung treffen und gerade wer Liebe und Partnerschaft ernst nimmt, der kann sich nicht vorstellen, den Partner einfach so auszutauschen.

Mein Eindruck ist, wenn ich mich mit Singles unterhalte, dass die hohen Ansprüche häufig eine Schutzstrategie darstellen. Sie sind der Versuch, beinahe unerreichbare Erwartungen zu stellen, um eben nicht wieder enttäuscht werden zu können und kein Risiko eingehen zu müssen. Diese Strategie verhindert jedoch nicht nur schlechte Entscheidungen, die man später bereut, sie verhindert überhaupt eine Entscheidung.

Liebe benötigt Mut und ist nichts für Feiglinge, das ist nicht neu. Da ist der Mut vor der Zurückweisung, aber auch der Mut zur Entscheidung. Wer sich eine Beziehung wünscht, monogam und exklusiv, eine Familie und ein gemeinsames Leben bis der Tod scheidet, der trifft die weitreichendste Entscheidung seines Lebens. Die will und muss wohl überlegt sein. Je konkreter und dauerhafter die Vorstellung von Partner und Beziehung, umso schwerer fällt diese Entscheidung. Hohe Ansprüche sind deshalb natürlich Schutz vor Verletzung, aber nicht nur, weil es vielleicht so viele andere potentielle Kandidaten gibt und man sich nicht festlegen kann, wenn an der Ecke schon ein besserer Kandidat stehen könnte, sondern auch weil eine solch fundamentale Entscheidung Angst macht. Gewiss gibt es Singles, die sich nicht binden wollen – aber ebenso gibt es Singles, die sich nicht binden können aus Furcht vor den Konsequenzen.

Nach meinem Eindruck geht das zusammen mit dem gesellschaftlichen Drang und Zwang zur Selbstoptimierung. Fühle ich mich nicht gut genug für den vermeintlichen Traumpartner, strebe ich nach einer verbesserten, möglichst perfekten Version meiner selbst. Doch dabei verlieren viele das Wichtige aus den Augen, nämlich die Liebenswürdigkeit und den optimistische Blick auf die Zukunft, also alles was landläufig sympathisch macht.

Partnersuche ist schwer geworden heute, trotz aller Hilfsmöglichkeiten

Es ist leicht geworden, neue Menschen zu finden. Online Dating macht es einfach. Letztlich sind viele Dating-Services nichts weiter als eine erleichterte Form der Kontaktaufnahme und vielleicht ist der Gedanke sehr pragmatisch, aber viel mehr müssen sie auch nicht leisten. Dass aber aus einem Kontakt ein Kennenlernen wird, das die ersten Wochen und Monate Interesse und vielleicht sogar Verliebtheit übersteht, erleben immer mehr Menschen als zunehmend schwieriger. Das hat aus meiner Erfahrung her vor allem diese Gründe:

Heute machen Menschen mehr schlechte Dating-Erfahrungen als jemals zuvor

Jede Trennung, jede Zurückweisung verletzt den Selbstwert. Immerhin ist eine Beziehung für die meisten Menschen heute das Wichtigste im Leben. Eine Kündigung im Job geht nahe, aber eine Trennung ist dagegen eine traumatisch erlebte Katastrophe. Diese Erlebnisse steigern Verlust- und Bindungsangst. Das führt dazu, dass sich immer mehr Singles selbst diagnostizieren und fragen: Beziehungsunfähig – Was stimmt nicht mir?

Typischer Beziehungsverlauf 1930 - 1970 nach Matthias Horx

Typischer Beziehungsverlauf 1930 – 1970 nach Matthias Horx

Typischer Beziehungsverlauf 1970 - 2050 nach Matthias Horx

Typischer Beziehungsverlauf 1970 – 2050 nach Matthias Horx

Singles wünschen sich Sicherheit und suchen Garantien

Furcht vor Fakes, vor schmerzhaften Erfahrungen, vor falschen Entscheidungen prägen die Partnersuche heute als jemals zuvor. Singles suchen Garantien in der Liebe, Anzeichen für Verbindlichkeit und natürlich Sicherheit durch Exklusivität. Wir leben einerseits in einer Zeit, in der dank der Sexuellen Revolution die Gleichberechtigung nun Beziehungen auf Augenhöhe ermöglicht, und wir die Freiheit haben, Leidenschaft und Intimität zu entdecken und mit unserer Lust und unseren Bedürfnissen zu experimentieren – aber andererseits ist die Verlustangst größer denn je, weil frei verfügbare Pornografie ebenso wie Sex-Partys und Seitensprung-Portale unsere Sicherheit bedrohen. Das Internet hat nicht nur die Information und Kommunikation revolutioniert, sondern auch wie wir Beziehungen und Sexualität sehen, welche (Vor)Bilder wir sehen, wenn wir an Liebesbeziehungen denken.

Wir alle sind Teile eines nie da gewesenen Experimentes über Einfluss und Wirkung der Telekommunikation auf die Formen menschlicher Bindung. Das macht vielen Menschen Angst. Sie befürchten, nicht mithalten zu können. Sie tragen Sorge, dass sie verletzt werden. Nicht nur, aber auch deshalb gibt es so viele Singles heute.

Warum bin ich Single?

Woran scheitert Ihre Kontaktaufnahme meistens?

Persönlichkeitstest: Woran bin ich mit ihm?

Kein “Liebestest”, sondern eine seriöse Einschätzung der Beziehungspersönlichkeit Ihres neuen Partners. In meiner Arbeit liegt ein Schwerpunkt auf dem Bindungsverhalten und den negativen Überzeugungen und Glaubenssätzen, die zu Ängsten und zu Schutzstrategien vor erneuten Verletzungen führen. Darauf basierend habe ich den Test entwickelt: Woran bin ich mit ihm? Ist er der Falsche oder der Richtige? Er ermöglicht Ihnen Antworten auf die Fragen: Was treibt ihn an? Was macht ihn glücklich? Wonach strebt er? Denn wenn Sie dies wissen, dann können Sie entscheiden, ob sich das für Sie langfristig gut anfühlen wird.

 

Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise