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Ist Mein Partner Ein Narzisst?

Narzisst wird umgangsprachlich ganz anders gebraucht als in der Psychologie oder Psychiatrie. In der Paartherapie wird der Vorwurf „Du bist ein Narzisst!“ sehr häufig verwendet. Dabei sollte eine Pathologisierung niemals vorschnell erfolgen.

Wie oft begegne ich Narzissten in der Praxis?

Die Dynamik von einem starken Wunsch nach Nähe bei einem Partner und starken Wunsch nach Autonomie beim anderen erlebe ich nahezu täglich. Während nicht jeder bindungsvermeidende oder bindungsängstliche Mensch ein Narzisst ist, geschweige unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, ist aber jeder „Narzisst“ ein extrem vermeidender Bindungstyp. Diese ziehen ängstliche Bindungstypen (teilweise Menschen mit einer dependenten oder ängstlichen Persönlichkeitsstörung) an, da alle aus dem Kreis der Nähe-Distanz-Persönlichkeitsstörungen nur mit unterschiedlichen Strategien frühere Verletzungen zu vermeiden suchen.

In der Paarberatung spreche ich ausschließlich von Ausprägungen von Autonomie, Bedürfnis nach Distanz und Freiraum und Wunsch nach Exploration. Nicht selten erkennen auch Menschen ihr eigenes Verhalten im Partner, wenn dieser ihnen Grenzen aufzeigt. Da eine Krankheitseinsicht fehlt, wird die Schuld am Konflikt dem Partner zugewiesen ohne auf die eigenen Anteile zu achten. „Mit mir ist alles in Ordnung, sagen Sie meinem Partner, er müsse sich ändern/behandeln lassen“

Was ist ein Narzisst? Was ist Narzissmus?

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine Traumafolgestörung, das heißt, ein Mensch entwickelt aufgrund seiner Traumata und seiner Prägung im Kindesalter Überlebensstrategien, die im Erwachsenenalter problematisch sein können. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung kann als eine Selbstwertstörung oder Störung der Selbstliebe gesehen werden. Wer seinen eigenen Wert nicht kennt, wird auch andere für wertlos halten. Wer sich selbst nicht liebt, ist zu Nächstenliebe ebenso unfähig und benötigt die Anerkennung anderer, um überhaupt einen eigenen Selbstwert definieren zu können. Rainer Sachse schreibt in seinem Standardwerk „Persönlichkeitsstörungen“: Persönlichkeitsstörungen sind Beziehungsstörungen. Er unterteilt auch Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung in drei Gruppen: erfolgreiche, erfolglose und gescheiterte Narzissten. So gelingt es, Narzissten zu erkennen.

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Wie arbeite ich mit Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörungen?

Ich arbeite nicht mit Patienten an ihrer Persönlichkeitsstörung. Allerdings arbeite ich mit Patienten mit Persönlichkeitsstörung manchmal begleitend zu einer psychotherapeutischen Behandlung durch Psychiater an Themen wie Partnersuche, Nähe-Distanz-Bedürfnis, Muster der Partnerwahl, Paar-Dynamik, aber eben immer mit dem Fokus auf das Anliegen und nicht auf die Diagnose.

Manchmal erlebe ich Klienten, die es für hilfreich erachten, das Verhalten des Partners durch einen Diagnose wie narzisstische Persönlichkeitsstörung erklären zu können. Dieser Erkenntnisgewinn hält jedoch nur kurz an, weil sich dadurch ja nichts ändert. Manchmal wird sogar das Verhalten dadurch stärker toleriert und die/der Partner*in achtet noch weniger auf Grenzüberschreitungen. Aus diesem Grund vermeide ich Pathologie weitestgehend und trenne meine Arbeit auch davon. Ziel ist in der Paartherapie, den Konflikt als gemeinsamen Gegner zu erleben – und nicht einander.

Nähe-Distanz Konflikte und Emotionsfokussierte Paartherapie

Ich erlebe die Emotionsfokussierte Paartherapie als sehr hilfreich bei allen Nähe-Distanz-Konflikten und wenn man Sachses Gedanken folgt, alle Persönlichkeitsstörungen sind Beziehungssstörungen, dann treffen in vielen Partnerschaften mit vermeintlichen Narzissten extreme Verlustangst auf extreme Bindungsangst bzw. extrem ausgeprägtes Autonomie-Bedürfnis. Die EFT beschreibt hier eine Intervention, den den „Tanz“ abbildet und spürbar macht bis hin zum darunter liegenden Bedürfnis- und Emotionsverständnis. An dieser Stelle des Erkennens der gemeinsamen Angst vor weiterer Selbstwertverletzung bspw. durch Rückzug, durch Enttäuschung, durch Klammern u.a. lässt sich eine Empathiebrücke herstellen, die dann möglich macht, diese Bedürfnisse in Wünschen zu formulieren. Diese kleinsten möglichen Schritte schaffen eine neue Verhandlungsbasis.

Aber: dieser Tanz ist mit Menschen mit Persönlichkeitsstörungen oft nicht durchzuführen mangels Einsicht. Der Trennungswille des Partners allerdings kann eine Angst um Verlust der Beziehung erzeugen, der ähnlich prägend sein kann wie bei Narzissten typische Rückschläge, die ein Erkennen der Problematik auslösen. Das ist fordernd, aber vor allem für die Betroffenen. An dieser Stelle denken diese oft darüber nach, einen Psychiater aufzusuchen, worin ich sie bestärke. Auch weil häufig dies die Partner als Voraussetzung für eine Fortführung der Beziehung und der Paartherapie nennen.

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Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paartherapeut, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist in seinem Fachbereich einer der meist zitierten Experten im deutschsprachigen Raum. Seit über 15 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise und Gründer der Modern Love School .

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