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Ist Liebe Wirklich So Schwer?

Was macht Beziehungen schwierig? Was verhindert Liebe heute? Warum fällt die Suche nach einem passenden Partner so vielen Menschen so schwer? 

Warum sind Beziehungen so schwer?

Die gute Nachricht: Liebe findet immer einen Weg. Die schlechte ist allerdings, sie kommt nicht immer laut wie ein Kino-Trailer daher. Ich bin überzeugt, dass heute die Suche nach einem Partner eine solche Wichtigkeit erreicht hat, dass die Furcht vor einer schlechten Wahl und einem möglichen Scheitern der Beziehung die Entscheidung für eine Person oftmals behindert. Liebesglück wird in Umfragen heute höher bewertet als Gesundheit. Die Ansprüche an den Partner sind dadurch enorm. Die Partnerwahl scheint –und vielleicht ist sie es – die wichtigste Entscheidung im Leben. Menschen können den Job, den Wohnort, das Land wechseln – Liebe aber als Ideal ist heute so wichtig geworden, dass manche lieber keine Entscheidung treffen als falsch zu wählen. Deshalb kommen so viele Paare nicht über 6 Wochen oder drei Monate hinaus: Nicht weil sie feststellen, dass sie miteinander unglücklich sind – sondern weil sie befürchten, sie könnten mit einem anderen Partner glücklicher werden.

Den höchsten Stellenwert in unserer Gesellschaft hat derzeit die Liebe. Jeder will sie in irgendeiner Form. All die Selbstoptimierung, die beispielsweise der Autor Michael Nast in seinem Buch „Generation beziehungsunfähig“ treffend beschreibt, hat ihren Ursprung im Wunsch, den perfekten Partner für die perfekte Beziehung zu finden. Wir konkurrieren und müssen uns deshalb mit Talenten aufrüsten: vom Yoga zum Kite-Surfen. Nichts davon zeichnet Beziehungskompetenz aus. Kommunikationskurse wären für manche Menschen sinnhafter als das Spa-Wochenende mit der Schlammpackung.

Die Liebe und die Zweierbeziehung sterben nicht aus

Viele Journalisten übernehmen US-Statistiken, etwa, dass beinahe die Hälfte aller Ehen geschieden würde. Die deutschen Zahlen sind ganz anders: Mehr Paare heiraten! Es werden im Zehnjahresvergleich mehr Ehen geschlossen, sie halten länger und sie werden seltener geschieden. Vielleicht liegt es am Online Dating, das ist ungefähr seit dieser Zeit so populär. Möglich, dass das Matching einer Partneragentur doch mehr Klarheit über die eigenen Wünsche schafft und eine aufgeschlossenere Haltung gegenüber einem Beziehungspartner erzeugt und somit letztlich die Absicht beider Partner, eine langfristige Beziehung eingehen zu wollen, Beziehungen eher fördert als der Zufall, der auf einen One Night Stand eine 6-Wochen Beziehung folgen lässt. (Ich unterstütze seit 12 Jahren die Agentur Parship freiberuflich.)

Die Suche nach dem / der Richtigen

Ich bin kein Freund von dem – zugegeben wunderschönen – Sehnsuchtsbild von Platons Kugelmenschen, die von den Göttern getrennt wurden und nun ihren einzigartigen Zwilling suchen. Denn diese Metapher kann zum Tunnelblick führen und direkt in eine emotionale Abhängigkeit. Die Bilder von Dualseelen und Twinsouls halte ich für hochgefährlich, weil ich die Betroffenen täglich in der Praxis erlebe. Fragen Sie einmal ältere Menschen: Wir können uns nicht nur mehrfach verlieben, wir können mehrfach lieben. Ich empfinde das als tröstlich, vielleicht auch aus persönlicher Erfahrung, weil der Tod mein Beziehungsleben mehr als einmal begleitet hat. Nach Untersuchungen genügt es, wenn sich zwei Menschen sympathisch sind, dass sie sich ineinander verlieben können. Ich will damit nicht sagen, dass man sich nur auf einer einsamen Insel lange genug verstecken müsste, um ein glückliches Paar zu werden, doch es gibt ganz viele potentielle Partner für jeden Menschen, der ein Stückweit Offenheit und Beziehungskompetenz mitbringt.

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Wir sind nicht beziehungsunfähig!

Die Menschen möchten Bindung, sie ist lebensnotwendig. Wir können uns nur durch die Augen anderer erleben, das ist ja ein Antrieb der Liebe. Unsere Selbstwahrnehmung reicht nicht aus, uns mit Distanz und außerhalb des eigenen Systems zu erkennen. Wir sind unser Leben lang auch in Beziehungen wie Kinder, die um Aufmerksamkeit und Anerkennung bitten. Wenn sich Paare gegenseitig Nachrichten vorlesen ist das ebenso eine Bitte um Aufmerksamkeit wie wenn sie miteinander intim werden. Wir wünschen uns, dass jemand uns sagt, zeigt und erleben lässt: Du bist okay! Bevor Menschen sprachen, haben sie sich durch Berührung er-“fasst“. Sex ist für Menschen nicht nur Fortpflanzung, sondern Nähe und Intimität und gegenseitige Bestätigung. Der Klinische Sexualpsychologe Dr. Christoph Ahlers beschreibt dies wunderbar in seinem unbedingt lesenswerten Buch: Himmel auf Erden, Hölle im Kopf. Die Arbeit von Profesor John Gottman, derzeit wohl der führende Paartherapeut, hat vermessen, wie viele solcher Bestätigungen es braucht, um miteinander glücklich zu sein.

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Das Bedürfnis nach Bindung ist uns angeboren, wie beispielsweise das Modell der Bindungstheorie aufzeigt, das die Basis der Emotionsfokussierten Paartherapie darstellt. Was uns hindert, Bindung einzugehen, sind unsere Ängste. Zwei Grundformen der Angst sind die Furcht vor Nähe und entgegengesetzt die Furcht vor Distanz. Verlustangst und Bindungsangst also, wenn Sie das auf Beziehungen übertragen. Der ängstliche Bindungstyp will sich seine Liebe verdienen und fürchtet, alleine gelassen zu werden; der vermeidenden Bindungstyp will seine Autonomie und Selbstbestimmung nicht in einem Wir verlieren und Angst vor zu viel Nähe. Jeder von uns trägt diese Furcht. Manche stärker ausgeprägt als andere. Je nach Untersuchung sind etwa 50 Prozent der Bevölkerung irgendwo in der Mitte angesiedelt, sie können Liebe geben und nehmen. Diese sicheren Typen sind immer in Beziehungen, denn erstens macht Ihre Haltung sie sehr attraktiv für andere und zweitens verlieben sie sich einfach rasch neu. Das Problem für die je etwa gut 20 % der vermeidenden und ängstlichen Typen: Die treffen nun auf dem Single-Markt aufeinander. Sie ziehen sich auch noch gegenseitig an, denn beide haben einen geringen Selbstwert, deren Auswirkungen nur unterschiedlich sind. Aber es geht ihnen darum, Anerkennung zu erhalten.

Scheitert es vielleicht an unseren Maßstäben? Wie kann man überhaupt von jemand anderem erwarten, es einem immer rechtzumachen, wenn man es sich selbst eigentlich fast nie rechtmacht? Wenn ich mit mir selbst fast nie zufrieden bin, wie kann ich von jemand anderem erwarten, mich immer zufrieden zu machen?

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Liebe dich selbst!

„Liebe dich selbst und dann ist alles egal“, ist ein Motto, das ich kritisch sehe. Es ist bereits eine große Menge gewonnen, wenn ein Mensch mit sich befreundet sein kann. Die Selbstliebe kann leicht in den Egoismus oder sogar den Narzissmus geraten. Instagram-Selbstdarsteller werden zu Vorbildern, Fans zum vermeintlichen Pool unzähliger potentieller Freunde, aus denen man sich die besten raussuchen kann … Dabei geht es hier vor allem um Marketing. Richtig ist, wer sich selbst nicht leiden kann, kann niemanden ernst nehmen, der sich für einen dann interessiert. Der wird automatisch abgewertet. „Wie kannst du mich gut finden? Ich weiß doch, dass ich nicht gut bin!“ Das Fatale dabei: Wer einen niedrigen Selbstwert hat, wird angezogen von Menschen, die vermeintlich viel Selbstwert haben. Das sind die Selbstdarsteller und die vermeidenden Bindungstypen. Also all die Leute, die sagen: „Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich eine Beziehung haben möchte ….“ Und schon sind wir mittendrin in der gegenseitigen Anziehung von Bindungsangst und Verlustangst, die eben so oft zu schmerhaften Erfahrungen führt und in der Folge zu Vermeidungsstrategien. Viele Singles in meiner Praxis sind überrascht, wenn sie entdecken, wie viel Angst sie vor Bindung haben, obwohl sie sich so sehr nach einer Beziehung sehnen. Solche passiven Beziehungsverweigerer sabotieren sich die Partnerwahl unbewusst, indem sie unerreichbare Partner suchen. Entweder weil die Liste der Ansprüche unerfüllbar lang ist, oder weil es immer nur im Urlaub „funkt“ oder sie die vermeidenden Kandidaten nach dem Satz „ich will eigentlich keine Beziehung“ nicht glauben und nicht gleich wieder abwählen oder sich als Affäre in die Rolle eines Zweit-Partners begeben.

Vermeintlich „wahre“ Liebesdefinitionen bergen große Gefahren

Einige Menschen glauben ganz genau zu wissen, welche Liebe richtig ist, welche wertvoll, welche minderwertig. Jeder, der Liebe sucht und sich fragt, was sie für ihn bedeutet, ist mir sehr viel lieber. Ich mag es nicht, wenn Liebesdefinitionen aufgezwungen werden sollen. Als Chefredakteur des Magazins beziehungsweise biete ich Lesern die Plattform, ihre persönliche Liebesgeschichte zu erzählen, unabhängig davon, ob sie vielleicht aus einer Affäre entstanden ist. Die Wut, die manchmal dort kommuniziert wird, wenn das eigene Treueverständnis von anderen, die ja meine Beziehung überhaupt nicht tangieren, unterschiedlich gesehen wird, empfinde ich manchmal als bedenklich intolerant. Ich arbeite gerade an meinem neuen Buch „Die Disneyfizierung der Liebe“, in dem ich den modernen Liebes-Mythen nachgehe. Die sind teilweise erschreckend und unser Medienkonsum heute fokussiert uns auf immer weniger, dafür aber immer problematischere Mythen. Einige sind besonders einfach und gaukeln uns vor, dass sich zwei Liebende schon finden, egal wie unterschiedlich sie ticken, es braucht eben nur Mühe. Diese Sicht ist jedoch gescriptet und dramaturgisch poliert, weil sie sich sonst nicht verkauft. Genau betrachtet ist auch ein Märchen (das hat nicht Disney erfunden, dennoch dominieren heute Disney-Geschichten unseren Markt) wie „Die Schöne und das Biest“ ziemlich schwierig, denn es sagt – sogar der selbstbewussten Frau, die Belle hier verkörpert –, dass sie nur lange genug Einsatz zeigen muss, dass aus dem Monster ein Prinz wird. Was für eine furchtbare Aussage in einer Zeit, in der die Gewalt von Männern gegenüber ihren Partnerinnen deutlich zugenommen hat, wenn diese versuchen, sich von ihnen zu lösen beispielsweise.

Liebe braucht Geduld

Geduld ist eine Tugend, die hat man oder man war zu ungeduldig, um sich für sie anzustellen. Schwieriger finde ich, dass wir permanent vergleichen, wem es besser geht als uns. Kein Paar postet ein Foto von der hitzigen Diskussion über den richtigen Weg zum Strand. Wir sehen nur das glückliche Paar in den Wellen. Was macht das mit dem Betrachter: Er fragt sich, warum bin ich jetzt nicht glücklich am Strand? Was stimmt mit mir und meiner Beziehung nicht?

Liebe hat viele Gesichter und ich finde es schwierig, Beziehungsmodelle zu bewerten. Wenn ein Paar die Beziehung öffnet – und allein die Definition, was eine offene Beziehung sein mag, ist ja nirgendwo festgelegt – dann geht es zunächst darum, ob die Partner ihre Bedürfnisse zu beiderseitiger Zufriedenheit verhandelt bekommen. Ob Außenstehende das auch gut finden, kann dem Paar völlig gleichgültig sein. Doch die meisten dieser neuen Modelle sowie der daraus entstandenen Verhaltensweisen wie Ghosting, Hyping oder Benching sind von dem Verhältnis vermeidendes und ängstliches Bindungsverhalten geprägt. Die führen tatsächlich viele Paare und später die Getrennten in meine Praxis. Denn wer einmal in einer emotionalen Abhängigkeit war, gerät sie ziemlich sicher aus der Position der Schwäche heraus, aus der er nun verletzt einen starken Partner sucht, direkt in die nächste, wenn er nicht etwas dagegen unternimmt wie ein Coaching.

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Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paarberater, Single-Coach und Autor. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht und ist einer der meist zitierten Dating- und Beziehungsexperten im deutschsprachigen Raum. Seit über 12 Jahren unterstützt er die Partneragentur Parship. Er ist Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise beziehungsweise

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